Ich wage mal eine provokante These: In den letzten 20 Jahren hat es in Deutschland keinen Produktivitätsfortschritt gegeben
bearbeitet von Plancius, Sonntag, 23.10.2022, 11:23
Es mag sein, dass auf dem Papier die Arbeitsproduktivität (zumindest bis Corona) gestiegen ist. Dies ist dann aber darauf zurückzuführen, dass alle wertschöpfenden Prozesse mit weniger Ressourcen ausgestattet wurden. @Euklid (RIP) würde sagen, entfeinert worden.
Jeder, der in einem wertschöpfenden Betrieb tätig ist, bemerkt, dass die Arbeitsintensität und -belastung in den vergangenen Jahren stetig zugenommen haben. Reserven und Redundanzen wurden abgebaut, alles ist auf Kante genäht.
Auch die Führungsstrukturen in den Unternehmen haben sich geändert. Bis in die 00er Jahre wurden die Firmen von Ingenieuren und Technikern geleitet. Der Focus lag auf Produktinnovation und Verbesserung der Prozessabläufe.
Meine Schwerpunkte in der Softwareentwicklung lagen hierbei z.B. in der Optimierung der internen Lagerprozesse und des Wareneingangs und -ausgangs.
- Optimierung des Kommissionierwegs (Travelling Salesman Problem)
- zuerst die schweren Teile greifen (>10 kg), dann die leichteren
- verbesserte Einlagerstrategien, um auch schneller auslagern zu können
- Erkennen von Schnell- und Langsamdrehern
- Optimierung der Packtische
- Vorschlagen des richtigen Kartons, Packvorschlag dem Packer anzeigen
- Ermittlung des Routings
- automatisches Drucken der Versandetiketten mit sofortiger EDI Übertragung an DHL oder UPS
Ab den 00er Jahren wurden die Unternehmen dann von den Controllern übernommen. Die Herstellung von Produkten, Produktinnovation und Produktivitätsfortschritt wurden als gegeben gesehen, genauso wie der Strom, der aus der Steckdose kommt. Es waren Jahrzehnte der Berater, die den Managern erzählten, wie man stille Reserven hebt und Gewinne mit Bilanzkosmetik erhöhen kann.
Mittelständische Unternehmen und Konzerne wurde in viele eigenständige Firmen aufgespalten. Mal nach Geschäftssparte, mal nach Risiko, mal nach steuerlichen Aspekten. Manchmal macht es tatsächlich Sinn, aus Risikogesichtspunkten für bestimmte Produkte eine eigene GmbH zu gründen, z.B. bei den Automobilzulieferern, die Sensoren herstellen, bei Pharmaproduzenten bei der Herstellung neuer Medikamente oder wenn man bestimmte Produkte in die USA liefern will. Hier kann es nämlich sein, dass man auf einmal in immenser Höhe in Produkthaftung genommen wird, die das eigene Unternehmen in Existenznot bringen kann. Durch die Ausgliederung in eine separate GmbH lässt man die GmbH einfach insolvent gehen und kann sich so immens teurer Rückrufaktionen oder Strafzahlungen erwehren.
Millionenschwere Softwareprojekte wurden in diesem Zeitraum initiiert, um die logistischen Prozesse eines Mutterkonzerns abzubilden, der jetzt in viele Einzelunternehmen aufgesplittet waren. Was früher im Lager ein einfacher Warenentnahmeschein, sprich bestandsverändernder Materialbeleg war, stellte sich plötzlich als komplizierter kaufmännischer Prozess dar, der mit Einkauf und Verkauf verbunden war und mit einem Preis versehen war. Durch ein Lager zogen sich virtuelle kaufmännische Grenzen, von denen der einfache Lagerarbeiter aber nichts mitbekommen sollte. Also wurden gigantische Belegvolumen im Hintergrund bei jeder Lagerbewegung erzeugt, die die kaufmännischen Vorgänge bei den Lagerbewegungen nachvollzogen.
Mein Schwerpunkt verlagerte sich eindeutig vom Verbessern der Lagerprozesse auf die Automatisierung kaufmännischer Prozesse im Hintergrund von Lagerbewegungen, die es vorher nicht gegeben hat. Durch die Gestaltung interner Verrechnungspreise und des steuerlichen Standort der Tochterfirmen irgendwo auf der Welt sollte sich das ganze jedoch betriebswirtschaftlich rechnen. Was ich jedoch stark bezweifle. Denn neben den millionenschweren Softwareprojekten kamen jetzt in der Verwaltung noch ganz neue Teams hinzu, die mit der Gestaltung und Überwachung der ganzen neu hinzugekommenen kaufmännischen Prozesse beschäftigt waren. Und nicht zu vergessen die ganzen Berater von Roland Berger, Andersen Consulting, Deloitte usw. Jedenfalls fand keine Wertschöpfung im eigentlichen Sinne mehr statt, keine Prozesse mehr optimiert, Produktentwicklung lief so nebenher halt mit.
Jetzt ab den 10er und 20er Jahren hat sich der Fokus in den Unternehmen wieder geändert. Nicht nur, dass viele verschachtelte Firmenkonstrukte wieder zurückgedreht worden sind, weil die Komplexität nicht mehr mit akzeptablem Aufwand zu bewältigen war. Nein, die Regelungswut der einzelnen Staaten und supranationaler Organisationen wie der EU überschütten die Unternehmen mit immer neuen Verordnungen und gesetzlichen Regelungen und Anforderungen an Zertifizierungen. Seit ein paar Jahren hat die Stunde der Compliance-Manager geschlagen, die in den Unternehmen die Macht übernommen haben und jedes Projekt ausbremsen können, indem sie juristische Steine in den Weg legen.
Eine Vielzahl an Boykotten und Sanktionen erschweren den internationalen Handel. Insbesondere Handelsbeziehungen mit den USA stehen stets auf tönernen Füßen und jeder Unternehmer begibt sich hier aufs Glatteis und muss eine solche Aktivität im schlimmsten Fall mit der Vernichtung seines Unternehmens bezahlen. Ein weiterer Punkt sind extrem gestiegene Anforderungen an die Rückverfolgbarkeit von Produkten.
Früher hat ein Schuhhersteller Leder und Plastikgranulat gekauft, das Leder gestanzt, die Schuhsole gespritzt, die Schuhe zusammen genäht oder geklebt und dann in alle Welt verkauft. Jetzt muss jeder Schuh mit einer Vielzahl an Attributen versehen werden, je nach Lederlieferung müssen Chargen gebildet und dem Schuh zugeordnet werden. Wenn sich nun herausstellt, dass in einer Ledergerberei in Kambodscha der Grenzwert für Cadmium überschritten wurde oder in einer Lederfabrik in Bangladesch Kinder gearbeitet haben, dann muss der Schuhhersteller jetzt in der Lage sein, per Knopfdruck ganze Sendungen an Schuhen zu sperren, zurückzurufen und zu vernichten. Insbesondere wenn der Schuh schon an den Endkunden verkauft wurde ein Ding der Unmöglichkeit.
Auch die Prozesssicherheit bei Lagerbewegungen erhielt eine höhere Bedeutung. Viele Unternehmen haben ihre Lagerlogistik an externe Logistikdienstleister ausgelagert. Deren Mitarbeiter bewegen eine Vielzahl an Produkten, zu denen sie keinen inhaltlichen Bezug haben. Noch dazu sprechen viele von ihnen mittlerweile kein oder nur schlecht deutsch. Daher sind im Lager jetzt die Etikettierung aller Produkte und Stellplätze mit Barcodes notwendig, wo die Mitarbeiter nur noch ihre Aufträge anhand von Kommissionierlisten abarbeiten und jeden Prozessschritt scannen und die Scanapplikation die Prüfung und Verifizierung vornimmt. Früher war das know how in den Belegschaften vorhanden, die Probleme sofort erkannten und auch die Reihenfolge ihrer Auftragsbearbeitung tagsüber schnell umdisponieren konnten, wenn z.B. ein Lkw nicht kam oder technische Defekte auftraten. Wegen Sprachbarrieren zwischen den Beschäftigten und fehlendem Produktbezug ist eine schnelle, flexible Änderung der Auftragsbearbeitung im Lager fast nicht mehr möglich.
Meine Aufgabenstellungen verschoben sich jetzt zunehmend in Richtung Automatisierung Compliance relevanter Prozesse.
Pflege von Boykott- und Sanktionslisten, um Artikel und Produktkomponenten für Aufträge und Produktionseinsatz zu sperren.
Wenn der Vertriebsmitarbeiter einen Auftrag erfasst, wird im Hintergrund geprüft, ob der erfasste Artikel in das Land verkauft werden darf oder ob er eine für das Land gesperrte Komponente enthält. Vorschlagen von alternativen Artikeln oder Einsatz anderer Komponenten in der Produktion für das Endprodukt. In viele arabische Länder dürfen z.B. keine Artikel aus Israel geliefert werden oder Produkte, die Komponenten aus Israel enthalten.
Entwicklung von Scannerapplikationen im Lager, die jede Lagerbewegung erfassen und auf Plausibilität prüfen.
Aber auch die ganzen Projekte zur Bewältigung der Compliance dient nur dazu, um immer höhere bürokratische Hürden durch Automatisierung vom Aufwand her abzufedern oder durch Plausibilitätsprüfungen die Prozesse sicherer zu machen. Hier wird in einer gegebenen Zeiteinheit nicht mehr oder qualitativ hochwertiger produziert. Ganz im Gegenteil. Viele Sachbearbeiter und Projektteams sind trotz bestimmter Automatisierung notwendig, die ganzen Prozesse zu überwachen und die neuen Vorschriften ins System einzupflegen.
Die eigentliche Aufgabe eines Unternehmens, d.h. die effiziente Produktion von Gütern, gerät immer mehr aus dem Focus und wird als eine nebensächliche Selbstverständlichkeit angenommen, so wie eben „deus ex machina“ der Strom aus der Steckdose kommt.
Leider nehmen sich Wirtschaftswissenschaftler diesen Entwicklungen gar nicht an, weshalb diese Problematik auch keine Berücksichtigung im Mainstream findet. Lieber verschieben sie bis zum Erbrechen irgendwelche IS- und LM-Kurven und stellen ökonometrische Modelle zum Finden von Gleichgewichten von Zins und Investition auf, die überhaupt keinen Realitätsbezug haben.
Gruß Plancius
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"Natürlicher Verstand kann fast jeden Grad an Bildung ersetzen, aber keine Bildung den natürlichen Verstand." ARTHUR SCHOPENHAUER