Cher tomflitzebogen,
ohne mich in ihren Dialog mit Kollegen Manuel H. einmengen zu wollen ... aber die Frage läßt sich für mich jedenfalls sehr einfach (wenn auch nicht kurz) beantworten:
Putin als solcher, d.h. als Person, ist mir so ziemlich egal — es ist eine russische Angelegenheit, wen die als Präsidenten haben wollen oder nicht. Das betrifft mich nur insofern, als die Politik, die so ein Präsident verfolgt, auf mich direkt oder indirekt Auswirkungen hat.
Und die Auswirkungen der Präsidentschaft von Putin haben bislang (d.h. von kurz nach 2000, als er sein Amt antrat, und jedenfalls bis zum Beginn des aktuellen Ukraine-Konfliktes) einen für mein Dafürhalten sehr positiven Effekt gehabt: die Verhinderung einer ungehemmten Weiterführung des US-Hegemonie über die gesamte Welt.
Ich bin als alter konservativ-libertärer Skeptiker von nicht vielem überzeugt, aber von einem jedenfalls, denn es hat sich bislang in allen Zeiten meines nicht ganz kurzen Lebens (ich nähere mich bereits dem, was man höflich als das "biblische Alter" zu umschreiben pflegt ...) bewahrheitet: Monopole sind schädlich. Für den davon Betroffenen klarerweise, auf lange Sicht auch für den Monopolisten (was mir aber eher egal sein kann). Und das gilt von "kleinen" Monopolen, die sich förmlich (z.B. der Salz- oder Tabakmonopol in Österreich, das bis zur Liberalisierung der Telekommunikation bestehende Fernmeldemonopol etc.) oder durch faktische Kartellierung bilden, ebenso, wie vom Machtmonopol der Staaten ganz allgemein und vom Weltmachtmonopol der USA im Besonderen.
Es ist m.E. eigentlich nur den Initiativen Putins zu verdanken gewesen, daß die Welt jetzt allmählich in eine multipolare Weltordnung übergeht (ich hoffe, ich erlebe es noch!). China allein wäre durch seine wechselseitige wirtschaftliche Abhängigkeit (und auch von seiner Mentalität her!) dazu nicht in der Lage gewesen.
Ich bin in eine Zeit geboren worden (50er-Jahre), in der ein Duopol die Welt beherrschte: auch kein erstrebenswerter Zustand, aber immer noch besser, als ein Monopol! Um 1990 kam es durch den Zusammenbruch des Ostblocks zu einer nie dagewesenen Machtkonzentration bei einer einzigen Regierung. So etwas gab es nie zuvor in dieser Form: eine Regierung (und das hinter ihr im Dunkel arbeitende Machtagglomerat) hatte nicht nur die faktisch totale politische und militärische Letztentscheidung über die Geschicke der gesamten Welt, sondern auch die fast alleinige Entscheidungsmacht über Wirtschaft, Währungen, "Kultur" (in dem bescheidenen Sinne eines Lifestyls), der Information etc.
Wer — wie ich — die Freiheit (und das bedeutet eben: die Wahlfreiheit!) liebt und als das fundamentale Menschenrecht schlechthin ansieht, kann so einen Zustand nur als bedrückend erleben! Und daß dieser Zustand einer Allein-Macht nicht bloß zufällig und durch Entwicklungen jederzeit korrigierbar bestand, beweisen die ständigen Bemühungen irgendwelcher globalistischer "Eliten", die ihre verblasenen One-world-Träume in die Realität umsetzen und damit zum Alptraum für alle (außer den nutznießeenden "Eliten") machen wollen.
Auch hier sehe ich Putin bislang als einzigen, der diesen Kabalen technokratischer "Weltverbesserer" entgegentritt — denn China ist für derlei Fragen wohl der ungeeignetste Konterpart der Globalisten (vielleicht einmal Indien, aber das muß dazu erst die eigenen Probleme in den Griff bekommen ...)
Es wird bei allen Transatlantikern auf Unverständnis stoßen, wenn ich — verkürzend, ich weiß! — sage: Putin verteidigt unsere Freiheit! Nicht, weil er so edel ist, obwohl ich ihm diesbezüglich mehr Edelmut zutraue als irgendwelchen korrupten, geldgierigen, pardonl'expression, Arschlöchern in Washington D.C., an der Wall Street, der Londoner City oder in Brüssel. Und ich bin auch nicht so naiv zu glauben, daß W.W. Putin die Freiheit des Penseurs (und ähnlich denkender Bürger) am Herzen liegt: aber durch seine bloße Existenz hat er bislang verhindert, daß die Krake der Globalisten endgültig überall ihre Tentakel ausstrecken und verankern kann — und er hat sogar den einen oder anderen Krakenarm bereits erfolgreich amputiert.
Wie sähe z.B. die Situation in Syrien aus, wenn dort Israel und die USA das alleinige Sagen hätten?
Aber warum Putin, was gibt Euch Putin? Ist er inzwischen so eine Art Sektenprediger?
Nein, die Reden Putins sind zwar, verglichen mit dem substanzlosen Gewäsch, das man von den "Staatsmännern" des Westens üblicherweise vorgesetzt bekommt, rhetorisch einwandfrei und inhaltlich fundiert — aber der begnadete Redner, der mit seinen Ausführungen die Massen in Verzückung bringt, ist er wirklich nicht.
Nicht nur, dass er ausgedient hat, sondern, er würde Euch das Fürchten lehren, falls er so weiter machen würde.
Ersten: warten wir ab, ob der wirklich "ausgedient" hat. Man soll Bärenfelle vor dem Erlegen bekanntlich nicht verteilen, und
Zweitens: warum sollte er uns "das Fürchten lehren, falls er so weiter machen würde."?
Da fürchte ich mich eher vor der Chaospolitik unserer Bundesregierung (egel, ob ich die österreichische oder Sie die deutsche darunter verstehen — ihre Unfähigkeit und Unlauterkeit ist bei beiden erschreckend!) — und wenn ich mir ansehe, welcher Aberwitz sich in der US-Regierung, aber auch in London etc. tut, grusle ich mich weitaus mehr als bei Putin.
Warum? Schon heute haben wir 1 Mio Flüchtlinge aus der Ukraine, was meint Ihr was in Deutschland ab geht wenn man Putin nicht einen Kopf kürzer macht.
Für die Perversionen der deutschen Migrationspolitik Putin verantwortlich zu machen, ist unredlich. Und wenn man Scheunentore weit aufmacht und alles hereinbittet, rundum versorgt und hätschelt, wenn es nur das Wort "Asyl" oder "Ukraine" haucht, dann braucht man sich nicht zu wundern.
Und wenn es dann so kommen sollte und der Westen fuchtelt zu lange, anstatt kurzen Prozess zu machen, dann ist Dein nächstes Thema „Scheiß Flüchtlinge“.
Aha: "kurzer Prozeß" soll also gemacht werden! Mithin ist Ihr Wunsch, daß Putin einen Kopf kürzer gemacht werden soll, als Aufruf zu seiner Ermordung und nicht bloß metaphorisch als Wunsch nach seiner demokratischen Ablöse zu verstehen. Ich bin als alter Jurist nicht so pingelig — aber Ihnen ist schon irgendwie bewußt, daß der Aufruf zum Mord strafbar ist. Bei der derzeitigen Schlagseite der Justiz zwar vermutlich nicht verfolgt wird, aber das macht erstens die Sache nicht besser und zweitens kann sich die Situation ändern, wie der eine oder andere nach 1945 für diverse nach dem "gesunden Volksempfinden" gefällte Todesurteile zwar nur in seltenen Fällen durch "Kopf-ab", aber doch häufiger durch Berufsverbote und Gefängnisstrafen erleben durfte.
Cher Tomflitzebogen — ich hoffe, es bleibt Ihnen erspart! Und ich hoffe im Gegenzug (hope against hope, ich weiß ...), daß mir von Ihnen ein Antwort erspart bleibt. So, wie Ihr Posting, auf das ich reagierte, daherkommt, lege ich vermutlich nur endenwollendes Interesse auf Ihre Replik.
Was andere, vernünftiger argumentierende Kommentatoren natürlich nicht daran hindern soll, zu replizieren.
Cordialement
LePenseur
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LePenseur