Zoltán Pozsár zu den wirtschaftlichen Aussichten.

nereus @, Sonntag, 27.03.2022, 16:27 vor 1415 Tagen 5206 Views

Auf der ungarischen Website Portfolio.hu gibt es ein längeres Interview des Repo-Gurus zur aktuellen Lage und den Dingen, die da kommen werden.

Hier ein paar Highlights:

Natürlich sind die geopolitischen Auswirkungen des Krieges beträchtlich, und die Sanktionen wurden sehr schnell ausgelöst, aber der Markt bewegt sich nicht wegen des Einfrierens der Zentralbankreserven oder der Abkopplung der Banken von SWIFT, sondern wegen der Selbstsanktionierung des westlichen Privatsektors.
Der Markt hat sich zwischen russischen und nicht-russischen Rohstoffen aufgeteilt, und darum geht es bei den Nachschussforderungen.

Quelle: https://www.portfolio.hu/gazdasag/20220316/pozsar-zoltan-csunyan-labon-lotte-magat-a-ny...

Aber die Sache ist vielschichtiger, und der Krieg könnte weitere Auswirkungen haben.
Nehmen Sie zum Beispiel Deutschland, das sich für einen Übergang zu grüner Energie einsetzt. Wenn sie Windräder wollen, brauchen sie Stahl und Beton, wenn sie die Militärausgaben erhöhen wollen, brauchen sie Stahl.
Mittelfristig hat der grüne Wandel also auch inflationäre Auswirkungen, und kurzfristig tragen Weizen, Energie und Düngemittel zur Inflation bei.
Darüber hinaus wird zunehmend argumentiert, dass bei sinkenden Preisen direkte fiskalische Transfers erforderlich sein werden - und das hat wiederum inflationäre Auswirkungen.
Wie diese Situation in Europa nicht zu einer viel höheren Inflation, höheren Renditen und einem viel schwächeren Euro führen soll, ist mir schleierhaft.

Egal, wie man es dreht und wendet, Europa hat sich mit seiner Ami-Hörigkeit ins Knie geschossen.
Wir haben eine Rohstoff-Angebotskrise.

Das eigentliche Problem besteht darin, dass die Nachfrage vom Angebot abgekoppelt ist.
In diesem Fall brauchen wir einen staatlichen Akteur, der die russischen Rohstoffe aufkauft, die der Westen nicht haben will, und sie wieder in die Weltwirtschaft zurückführt, und das kann nur China.
..
Sie werden es natürlich tun.
Die Frage ist nur, zu welchem Preis und wann: wenn Öl 130 Dollar kostet oder wenn es 200 Dollar kostet?
Wenn eine große US-Bank aufgrund von Gegenparteirisiken zusammenbricht, oder vorher?
Die Frage ist, wo die Schmerzgrenze für jeden liegt.

Beispielsweise können Sanktionen so lange aufgeschoben werden, bis die Inflation zu einem politischen Problem im eigenen Land wird. Ich glaube nicht, dass dies im Westen richtig durchdacht wurde.

Stellen Sie sich vor, Russland könnte dieses Jahr mit einem Überschuss von 200 Milliarden abschließen, weil wir immer noch für Gas bezahlen.
In der Zwischenzeit werden ihre Importe minimal sein, weil ihnen niemand etwas verkaufen will.
Ich denke, wenn heute Bücher über die Situation geschrieben werden, werden sie von einem großen Eigentor sprechen.

Der Westen wird aus der Zukunft zurückblicken und im Rückblick auf die Schritte, die wir heute unternommen haben, sagen, dass wir die Dinge anders hätten machen sollen.
Es gibt enorme Risiken für die wirtschaftliche und finanzielle Stabilität, die wir noch gar nicht sehen.

Ich gehe sicher davon aus, daß Moskau und Peking in den Monaten zuvor Schlachtpläne für dieses Szenario entwickelt haben.
Die Voll-Deppen sitzen in Europa und wir gehören leider dazu. [[motz]]
Auch die Zinserhöhungen werden schnell wieder in der Schublade verschwinden.

Natürlich erfasst der von den Zentralbanken überwachte Kerninflationsindikator nichts von alledem, da er die Energie- und Lebensmittelpreise ausklammert, aber das Problem ist heute nicht der Anstieg der Kerninflation - die wird davon betroffen sein, sondern das Problem ist heute viel einfacher als das:

Ist Ihnen zu Hause kalt und können Sie essen oder nicht?
Es ist tausendmal schlimmer, und die Fed kann das nicht wirklich beantworten.
Es ist nicht richtig, in dieser Situation die Zinssätze zu erhöhen, um die Inflation einzudämmen, denn die Fed hat beispielsweise auch das Ziel, Vollbeschäftigung zu erreichen.
Es ist besser, einen halben Laib Brot auf dem Tisch zu haben als gar kein Brot.
Arbeitsplätze zu opfern ist nicht der Weg, um die Inflation zu kontrollieren, keine Zentralbank wird das tun, und ich glaube nicht an die Erwartungen des Marktes in Bezug auf Zinserhöhungen.

Und wir streben in eine neue geteilte Welt.

Das Finanzsystem befindet sich derzeit im Umbruch, wobei der Euro-Dollar einen Abwärtstrend und der Renminbi einen Aufwärtstrend aufweist.

Bei so großen Umwälzungen braucht man neue Finanzzentren.
London, Tokio, Frankfurt und die Schweiz werden ebenfalls nicht dabei sein, da sie ihre Vermögenswerte eingefroren haben.

Und was hier passiert ist, ist nicht, dass wir den Russen die Staatsanleihen weggenommen haben, sie hatten sie nicht mehr.
Das gesamte russische Geld befand sich auf dem Eurodollarmarkt.
Aber die Bank of Japan hat das Zentralbankkonto der Russen eingefroren, die Deutschen haben dasselbe getan.
Nach einer solchen Situation ist es unvermeidlich, dass neue Finanzzentren aufblühen werden.
Es ist noch nicht klar, wo, aber Ungarn könnte es versuchen.
Ich verstehe, dass György Matolcsy immer solche Ambitionen hatte, und warum sollte er es nicht versuchen?
Wir leben in historischen Momenten, und alles kann passieren.

Eine auf dem Yuan basierende Weltordnung könnte ihren Sitz in Moskau, Budapest oder sogar in einer Stadt in den Niederungen haben, wie Singapur (das mitten im Meer liegt).

Geografisch gesehen befinden wir uns zwischen zwei Welten, dem Westen und dem Osten, und die Entscheidung für eine Seite ist - rein makroökonomisch gesehen - ein großes Problem.
Es ist vergleichbar mit der Situation, als man entweder auf der richtigen oder auf der falschen Seite der Berliner Mauer stand.
Und das ist jetzt so ein Punkt in der Geschichte, der jetzt entschieden werden muss - und es ist keine leichte Entscheidung, aber sie wird sehr schwerwiegende Folgen für das tägliche Leben haben.

Vielleicht sollte man den Mann einmal ins Kanzleramt einladen. [[lach]]

mfG
nereus

Es gibt keinen Weg zurück.

aprilzi @, tiefster Balkan, Sonntag, 27.03.2022, 17:48 vor 1415 Tagen @ nereus 3355 Views

Hi,

also ich habe heute kein Fernsehen gesehen, kann nichts neues sagen. Aber wenn es dazu gekommen ist, dass zwei Nachbarvölker sich beschießen, wie soll und warum der Ursprungszustand wiederhergestellt werden?
Russland ist im Westen als böse verschrien. Russland hat ein Interesse daran, dass der Westen verreckt. Das gleiche Interesse haben auch die USA.

Die geflüchteten Ukrainer haben Angst, dass der Westen ihre Lügen bezweifelt. Sie stellen sich als die Unschuldslämmer hin, die angegriffen wurden. Sie geben aber nicht zu, dass Sie gegen Bezahlung aus dem Westen, beim Töten der Russen im Osten des Landes fleißig waren.

Den geflüchteten Ukrainer ist es schwer ihre Unschuld zu glauben. Sie sind Verbrecher. Deswegen fliehen Sie.

Dabei verschlechtern Sie die wirtschaftliche Situation in ihren neuen Aufnahmeländer. Die Russen sagen sich, sollen die Ukrainer bei ihren Verbrechensbrüder im Westen sich absetzen. Je mehr desto besser. Deswegen glaube ich nicht, dass dieser Krieg kurzfristig angesetzt ist. Er wird sich in die Länge ziehen und Jahre dauern.
Bis der letzte Nazi sich aus der Ukraine verpisst.

Gruß

gute Analyse, aber.....

freebee, Sonntag, 27.03.2022, 18:02 vor 1415 Tagen @ nereus 3110 Views

bearbeitet von freebee, Sonntag, 27.03.2022, 18:30

Eine gute Analyse von Zoltán Pozsár.

Ich fürchte nur, dass alles analysieren einer Quadratur des Kreises gleichkommt. Wir sind doch mittlerweile in einem Spiel angekommen, das lautet:

- wo gehen zuerst die Lichter aus
- wer hat die größere(n) Kanone(n)

Der Stecker ist aber evtl. bereits gezogen. Die Notenbanken können nur noch eins: noch mehr Geld ins System pumpen. Das ist alles, was bleibt. Funktioniert aber schon nur noch bedingt, denn die Inflation ist da. Und ich habe große Zweifel, dass sie wieder geht.

Der Anfang vom Ende, welches man nur noch ein wenig hinauszögern kann, wenn man clever ist. Das ist aber auch Alles.

Es riecht also nach Reset und der bedeutete bisher - schaut man in die Vergangenheit - Währungsreform + Enteignungen. Mit allem, was damit einhergeht. Und das, was damit einhergeht, das macht mir doch etwas Angst. Die Feindbilder sind bereits definiert und die Masken teilweise schon gefallen. Demokratie ?

Das Ganze garniert mit einem neuen kalten Krieg, der gerade forciert wird.

Bestens...rette sich, wer kann....


VG
freebee

Demokratie? Diese Braut sieht jeden Tag hässlicher aus!

FOX-NEWS @, fair and balanced, Sonntag, 27.03.2022, 18:53 vor 1415 Tagen @ freebee 2787 Views

Es riecht also nach Reset und der bedeutete bisher - schaut man in die Vergangenheit - Währungsreform + Enteignungen. Mit allem, was damit einhergeht. Und das, was damit einhergeht, das macht mir doch etwas Angst. Die Feindbilder sind bereits definiert und die Masken teilweise schon gefallen. Demokratie ?

Mich hat das Verhalten der Schweiz auf dem falschen Fusse erwischt. Die geben ihre Neutralität verdammt schnell auf. Daß diese, wenn nötig, z.B. während des WK2, kreativ interpretiert wird, ist mir bewusst. Sind wir da schon so weit?

Das Ganze garniert mit einem neuen kalten Krieg, der gerade forciert wird.

Es ist der III. Weltkrieg. Privatvermögen von Personen der Gegenseite zu beschlagnahmen sind kriegerische Akte. Gleiches gilt für das Einfrieren der Währungsreserven. Schlag und Gegenschlag werden jetzt der Reihe nach kommen.

Grüße

--
[image]

Afuera!

daher....

freebee, Sonntag, 27.03.2022, 19:27 vor 1415 Tagen @ FOX-NEWS 2522 Views

hatte ich es ja auch in kursiv und mit Fragezeichen versehen.[[zwinker]]

Alle haben Schulden bis unter´s Dach und alle (insbesondere westlichen) Staaten sind miteinander verflochten - wirtschaftlich, finanziell, strukturell.

Da ist´s dann um "Neutralität" halt nicht mehr so gut bestellt.

Selbst China ist teilweise "globalisiert" und hat Schulden. Aber China besitzt mit Abstand das meiste Gold. :-P

WKIII:

Sehe ich ähnlich. Kann auch noch "ein echter heißer" werden, wenn man SO weitermacht.

Mir fällt dazu nur noch "das Narrenschiff" von Reinhard Mey ein.

Betrübte Grüße

freebee

Meine Theorie zum Thema

nereus @, Sonntag, 27.03.2022, 19:58 vor 1415 Tagen @ freebee 2950 Views

Hallo freebee!

Du schreibst: Ich fürchte nur, dass alles analysieren einer Quadratur des Kreises gleichkommt. Wir sind doch mittlerweile in einem Spiel angekommen, das lautet:

- wo gehen zuerst die Lichter aus
- wer hat die größere(n) Kanone(n)

Der Stecker ist aber evtl. bereits gezogen.

Ich bin fest davon überzeugt, daß die sogenannten Eliten aller Couleur den Systemzusammenbruch haben kommen sehen und das seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten.

Daher mußte eine Strategie her, diesen Zusammenbruch kontrolliert vorzunehmen und danach ein neues System zu installieren.
Es gibt x-fach Belege für diese Annahmen.

Es riecht also nach Reset und der bedeutete bisher - schaut man in die Vergangenheit - Währungsreform + Enteignungen. Mit allem, was damit einhergeht.

Ja, aber nun kommt meiner Ansicht nach ein wichtiger Punkt.
Über den Systemzustand und den notwendigen Abbruch war man sich einig, aber nicht über das Danach.

Der Westen wollte auf dem Thron sitzen bleiben und die „Davoser“ hatten dazu einen schönen Plan.
Das wollte aber der Osten nicht und Russland – was dazwischen lag – mühte sich redlich zum Westen zu gehören, weil der kulturell näher lag.

Irgendwann zwischen 2006 und 2008 (vermute ich) begann der Kreml einzusehen, daß es ggf. mit dem Westen nichts wird und man sich neu orientieren müsse. 2006 entstand übrigens BRICS.

Nichtsdestoweniger hoffte man vielleicht auch auf einen Wechsel im Westen.
Spätestens 2014 mußte jedoch klar sein, daß die Annäherung Illusion bleiben würde.
Daraufhin wurde ein Plan entworfen, um sich den feindlichen Attacken des Westens zu entziehen, aber möglicherweise passierte das auch schon viel früher, quasi als alternative Option.
Putin ist Stratege und da hat man immer mehrere Optionen.

Vermutlich hatte Peking schon viel eher diesen Plan als Moskau, aber wer weiß das schon so genau?

2022 war es dann soweit, nur der passende Anlaß mußte noch her, der aber vom intriganten Westen früher oder später ohnehin geliefert worden wäre.

Und das, was damit einhergeht, das macht mir doch etwas Angst.

Was mir auch Angst macht, ist nicht das Gebaren der Russen oder Chinesen, sondern die möglicherweise anstehende wutenentbrannte Resignation bestimmter westlicher Kreise – eher einer Minderheit, die aber sehr mächtig ist – das Spiel zu verlieren und dabei alles auf eine Karte zu setzen, um das Unvermeidliche doch noch abzuwenden.

Bestens...rette sich, wer kann....

Darf man fragen, wohin?
Südpol, Erdnahe Umlaufbahn oder doch besser das Mare Imbrium. [[zwinker]]

mfG
nereus

Demnach ist der nun begonnene WK3 unvermeidlich?

Manuel H. @, Sonntag, 27.03.2022, 20:12 vor 1415 Tagen @ nereus 2898 Views

Nach Wolfgang Eggerts Parallelitäts-These sind wir jetzt auf dem Stand 1938 mit der Sudeten-Krise, die zwar nicht zum Krieg führte, aber zu massiver Aufrüstung und gegenseitiger Isolation.

Dann haben wir nur noch ein Jahr "Frieden".

Als September 1939 zu den Waffen gerufen wurde, war das für alle, die noch kein Schlachtfeld waren, ein rein mediales Schauspiel im Volksempfänger und der Wochenschau. Berufssoldaten und ein paar Oberschüler und Lehrlinge wurden zwar weggeschickt, das war es aber schon.

Spürbar wurde der Krieg hier doch erst mit den Luftbombardements auf die deutsche Zivilbevölkerung.

Anders als heute gab es auch kaum Auswirkungen auf die tägliche Versorgung mit Heizen und Nahrung.

Die Notverordnungen wegen Kriegszustandes lassen die Obrigkeit allerdings tabula rasa mit den Ungeimpfen machen.

Ob sich Polen durchsetzt mit seinen Plänen, nun unsererseits die Ukraine zu besetzen und dort die russischen Streitkräfte direkt zu bekämpfen?

leider....

freebee, Sonntag, 27.03.2022, 21:22 vor 1414 Tagen @ nereus 2440 Views

bearbeitet von freebee, Sonntag, 27.03.2022, 21:38

scheint der Westen im Vorfeld alles mit Zähnen und Klauen verteidigen zu wollen[[sauer]]

In einem anderen Forum hat jemand geschrieben: "Wenn ich am verlieren bin, schubse ich einfach das Schachbrett um".

Dabei könnte es so einfach sein: einfach mal zusammenarbeiten und ALLE am Kuchen teilhaben lassen.

Du fragst wohin ? => findet sich schon was. Bis Winter ist noch Zeit.

@Manuel

Den Bären (Russland) in eine Ecke zu drängen, aus der er nicht mehr herauskommt, ist keine gute Idee und brandgefährlich. Gar nicht gut.

VG
freebee

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