OT | Heute, wo Hasso widda Humor hat, fehlen nur noch die Hopi und wir dürfen wieder Hoffnung haben.
Robert Musil, Das Fliegenpapier
[Aus: Nachlass zu Lebzeiten, I Bilder (1936), entstanden 1913]
Das Fliegenpapier Tangle-foot ist ungefähr sechsunddreißig Zentimeter lang und
einundzwanzig Zentimeter breit; es ist mit einem gelben, vergifteten Leim bestrichen und kommt aus Kanada. Wenn sich eine Fliege darauf niederläßt - nicht
besonders gierig, mehr aus Konvention, weil schon so viele andere da sind - klebt
sie zuerst nur mit den äußersten, umgebogenen Gliedern aller ihrer Beinchen fest.
Eine ganz leise, befremdliche Empfindung, wie wenn wir im Dunkel gingen und
mit nackten Sohlen auf etwas träten, das noch nichts ist als ein weicher, warmer,
unübersichtlicher Widerstand und schon etwas, in das allmählich das grauenhaft
Menschliche hineinflutet, das Erkanntwerden als eine Hand, die da irgendwie
liegt und uns mit fünf immer deutlicher werdenden Fingern festhält. Dann stehen
sie alle forciert aufrecht, wie Tabiker, die sich nichts anmerken lassen wollen,
oder wie klapprige alte Militärs (und ein wenig o-beinig, wie wenn man auf einem scharfen Grat steht). Sie geben sich Haltung und sammeln Kraft und Überlegung. Nach wenigen Sekunden sind sie entschlossen und beginnen, was sie
vermögen, zu schwirren und sich abzuheben. Sie führen diese wütende Handlung
so lange durch, bis die Erschöpfung sie zum Einhalten zwingt.
Es folgt eine Atempause und ein neuer Versuch. Aber die Intervalle werden immer länger. Sie stehen da, und ich fühle, wie ratlos sie sind. Von unten steigen
verwirrende Dünste auf. Wie ein kleiner Hammer tastet ihre Zunge heraus. Ihr
Kopf ist braun und haarig, wie aus einer Kokosnuß gemacht; wie menschenähnliche Negeridole. Sie biegen sich vor und zurück auf ihren festgeschlungenen
Beinchen, beugen sich in den Knien und stemmen sich empor, wie Menschen es
machen, die auf alle Weise versuchen, eine zu schwere Last zu bewegen; tragischer als Arbeiter es tun, wahrer im sportlichen Ausdruck der äußersten Anstrengung als Laokoon. Und dann kommt der immer gleich seltsame Augenblick, wo
das Bedürfnis einer gegenwärtigen Sekunde über alle mächtigen Dauergefühle
des Daseins siegt. Es ist der Augenblick, wo ein Kletterer wegen des Schmerzes
in den Fingern freiwillig den Griff der Hand öffnet, wo ein Verirrter im Schnee
sich hinlegt wie ein Kind, wo ein Verfolgter mit brennenden Flanken stehen
bleibt. Sie halten sich nicht mehr mit aller Kraft ab von unten, sie sinken ein wenig ein und sind in diesem Augenblick ganz menschlich. Sofort werden sie an
einer neuen Stelle gefaßt, höher oben am Bein oder hinten am Leib oder am Ende
eines Flügels.
Wenn sie die seelische Erschöpfung überwunden haben und nach einer kleinen
Welle den Kampf um ihr Leben wieder aufnehmen, sind sie bereits in einer ungünstigen Lage fixiert, und ihre Bewegungen werden unnatürlich. Dann liegen
sie mit gestreckten Hinterbeinen auf den Ellbogen gestemmt und suchen sich zu
heben. Oder sie sitzen auf der Erde, aufgebäumt, mit ausgestreckten Armen, wie
Frauen, die vergeblich ihre Hände aus den Fäusten eines Mannes winden wollen.
Oder sie liegen auf dem Bauch, mit Kopf und Armen voraus, wie im Lauf gefallen, und halten nur noch das Gesicht hoch. Immer aber ist der Feind bloß passiv
und gewinnt bloß von ihren verzweifelten, verwirrten Augenblicken. Ein Nichts,
ein Es zieht sie hinein. So langsam, daß man dem kaum zu folgen vermag, und
meist mit einer jähen Beschleunigung am Ende, wenn der letzte innere Zusammenbruch über sie kommt. Sie lassen sich dann plötzlich fallen, nach vorne aufs
Gesicht, über die Beine weg; oder seitlich, alle Beine von sich gestreckt; oft auch
auf die Seite, mit den Beinen rückwärts rudernd. So liegen sie da. Wie gestürzte
Aeroplane, die mit einem Flügel in die Luft ragen. Oder wie krepierte Pferde.
Oder mit unendlichen Gebärden der Verzweiflung. Oder wie Schläfer. Noch am
nächsten Tag wacht manchmal eine auf, tastet eine Weile mit einem Bein oder
schwirrt mit dem Flügel. Manchmal geht solch eine Bewegung über das ganze
Feld, dann sinken sie alle noch ein wenig tiefer in ihren Tod. Und nur an der Seite des Leibs, in der Gegend des Beinansatzes, haben sie irgend ein ganz kleines,
flimmerndes Organ, das lebt noch lange. Es geht auf und zu, man kann es ohne
Vergrößerungsglas nicht bezeichnen, es sieht wie ein winziges Menschenauge
aus, das sich unaufhörlich öffnet und schließt.