Kurzer Demo-Bericht aus M-V: Malchin und Rostock / Aussichten
bearbeitet von Plancius, Montag, 20.12.2021, 21:29
Ich war gestern Abend mit meiner Frau auf einem nicht-angemeldeten Spaziergang in der 7.300-Einwohner Stadt Malchin. Treffpunkt war der Rathausplatz. Als wir ankamen, hatten sich schon viele Menschen versammelt. Der Einsatzleiter der Polizei bat um die Nennung eines Versammlungsleiters. Eine Dame meldete sich hierfür. Die Dame und der Einsatzleiter schienen sich wohl persönlich zu kennen. Dann wurden noch ein paar Ordner benannt und los ging der Zug mit Kerzen und Lichtern.
Es gab eine kurze Belehrung über die Corona-Regeln, d.h. Abstandsgebot, ggfs. Masken aufsetzen und kein Alkohol während der Demo. Es waren 350 Menschen (laut örtlicher Presse) anwesend. Für solch eine kleine Stadt fand ich das schon sehr viel, wenn man bedenkt, dass eine Woche vorher nur etwas über 100 Leute gekommen sind.
Wir konnten den Zug durch die Stadt durchführen. Die Polizei regelte den Verkehr und begleitete uns. Insgesamt war die Polizei uns sehr wohlgesonnen. Dafür bekam sie von uns auch viel Applaus nach der Veranstaltung. Lag vielleicht auch daran, dass Einsatzleitung und die anderen Polizisten aus Malchin und Umgebung kamen. Auch der Einsatzleiter bedankte sich bei uns für die Disziplin und wünschte uns frohe Festtage.
Da alles so entspannt ablief, wollen viele am kommenden Sonntag noch mehr Leute mitbringen. Wir sind ja in der Regel bürgerliches Publikum und viele, die jetzt noch auf der Couch sitzen, haben Angst vor polizeilicher Identitätsfeststellung oder dass ein Foto den Weg zum Arbeitgeber findet.
Da der Spaziergang den Charakter eines Happenings hatte, bin ich frohen Mutes, dass die Demo-Teilnehmer nächsten Sonntag trotz Weihnachten weiter wachsen werden. Grundlegende Voraussetzung hierfür ist unbedingt eine entspannte Atmosphäre auf der Demo. Die meisten Menschen, die auch gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung sind, wollen nichts riskieren. Auch in der DDR sind die meisten erst von der Couch aufgestanden, als die ersten 100.000 in Leipzig auf der Straße waren, die Messe praktisch schon gelesen war und die Teilnahme an einer Demo damit risikolos geworden ist.
Mit den geplanten Kontaktbeschränkungen ab dem 28.12. sehe ich auch hier die größte Gefahr, den in ganz Deutschland aufgeflammten Protest wieder im Keim zu ersticken. Der Protest kommt einfach nicht von Profi-Demonstranten aus gesellschaftlichen Randgruppen, sondern aus der bürgerlichen Mitte, die viel zu verlieren hat und der die Angst im Nacken sitzt. Der Kredit für Haus oder Wohnung drücken, man will die Karriere im Beruf nicht gefährden, die Nachbarn sollen nicht die Nase rümpfen, auf die Kinder in der Schule soll nicht mit dem Finger gezeigt werden.
Ob sich hier noch genügend Mutige finden, die auch einer Konfrontation mit der Staatsmacht nicht aus dem Wege gehen., wird sich zeigen. Aber spontane Spaziergänge in kleinen Gruppen (5 - 10 Mann) sollte auch dann die Polizei nicht unterbinden können.
Update Demo heute in Rostock:
In Rostock kamen heute wiederum mehrere tausend Menschen zusammen. Von Seiten der Stadt unter Bürgermeister Madsen war der Zutritt zum angemeldeten Demonstrationsort auf einem 200 m Stück der August-Bebel-Straße am Rand der Altstadt nur gestattet, wenn man sich mit Name und Anschrift in eine Liste bei der Polizei einträgt, die einen dann mit Kontrolle der Maske auf das Demo-Gelände lässt. Diese Schikane wurde natürlich von den Demo-Teilnehmern abgelehnt, wonach sich die Menschenmenge dann in mehreren Gruppen spontan zu einem Spaziergang durch die Innenstadt entschlossen hat. Die herangekarrte Polizei aus Schleswig-Holstein ist auch nicht weiter eskalierend eingeschritten und hat die Demonstranten weitgehend während ihres Spaziergangs gewähren lassen.
Wie ich schon letzte Woche schrieb, halte ich aktuell nichts mehr von angemeldeten Demos.
Gruß Plancius
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"Natürlicher Verstand kann fast jeden Grad an Bildung ersetzen, aber keine Bildung den natürlichen Verstand." ARTHUR SCHOPENHAUER

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