Morpheus, Beo2 et al.: Hat Erdogan recht mit seiner Inflationstheorie?

stokk, Freitag, 19.11.2021, 14:37 vor 1523 Tagen 3445 Views

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan glaubt an eine Wirtschaftstheorie, die nur wenige andere unterstützen. Er hat immer wieder argumentiert, dass die hohen Zinssätze der Zentralbank die Inflation verursachen.

Die gängigere Theorie besagt, dass die Inflation unter anderem dadurch verursacht wird, dass zu viel Geld für zu wenig Waren ausgegeben wird.

Die türkische Zentralbank hat die Zinsen nun wieder gesenkt, was zu einem Zerfall der türkischen Lira führte....
[image]

Quelle:
https://www.moonofalabama.org/

Das erscheint mir unplausibel.

Naclador @, Göttingen, Freitag, 19.11.2021, 15:52 vor 1523 Tagen @ stokk 2503 Views

Wieso sollte der Leitzins diese Wirkung entfalten? Wenn die Kaufkraft der Lira sinkt, was ja üblicherweise mit "Inflation" gemeint ist, dann liegt das entweder an einem Überangebot an Geld (im breiteren Sinn, auch Guthaben auf Geld sind mitgemeint) oder an einem Unterangebot von Waren und Dienstleistungen.

Wenn die türkische Regierung angebotsseitig nichts tun kann, dann sollte sie das Geld verknappen, wenn sie den Geldwert stabilisieren will. Das geht in der Tat eher mit hohen als mit niedrigen Zinsen. Einerseits kann man mit Geld, das man als Zinsen gezahlt hat, nicht mehr einkaufen gehen, und andererseits sind bei hohen Zinsen die Menschen eher geneigt, Kredite schnell zurück zu zahlen. In einem Geldsystem mit Giralgeldschöpfung führt das zu einer Reduzierung der Geldmenge, was kaufkraftstärkend wirken sollte.

Ich bin kein Profi, aber für mich macht die Erdogansche Geldtheorie keinen Sinn.

Gruß,
Naclador

Erdogan hat keine Theorie sondern ist nur dumm bzw. sehr clever -

Weiner, Freitag, 19.11.2021, 17:28 vor 1523 Tagen @ stokk 2467 Views

und welche Beurteilung die passende ist, hängt allein von der Perspektive ab.

Für die türkische Volkswirtschaft ist das gegenwärtige Verfahren extrem schädlich. Aber für ausgewählte Akteure und Politiker ist es ausgesprochen profitabel. Denn seit Regierungsantritt der Erdogan-Partei reisst diese sich alle rentablen Unternehmen unter den Nagel - teils mit juristischen, teils mit wirtschaftlichen, aber allesamt mit gewalttätigen Manipulationen (Vorbild bzw. zyklische Parallele: Enteignungen in D, I, Sp während der 1930/1940er Jahre).

Damit macht Erdogan im Grunde alles genau so wie auch die ELITEN im Westen - oder auch in Russland/Zentralasien nach der Auflösung der Sowjetunion - was somit als wirklich clever bezeichnet werden muss. In der Türkei ist man allerdings weniger zimperlich, da herrscht ein Gefälle des "Anstandes" und der "Diskretion" von Westeuropa über die Orban-Bande bis nach Nahost. Eines des frechsten Beispiele findet sich hier:

https://taz.de/Korruption-in-der-Tuerkei/!5763098/

Gestern habe ich einen LINK eingestellt zur Verwahrlosung und Kriminalität in Chicago, die dadurch gesteigert wurde, dass die Staatsanwälte und Richter seit einiger Zeit 'Bagatell'diebstähle bis zu einem gewissen Betrag nicht mehr bearbeiten wollen. Also bedienen sich die Kriminellen ganz einfach in den Supermärkten, wobei sie gewiss nicht nachrechnen, wenn sie ihren Einkaufswagen auffüllen (wie im Video zu sehen ist).

Ganz oben und ganz unten löst die Struktur sich also auf - und es schaut danach aus, dass es gewollt so ist. Offen bleibt, wie lange es dauert, bis dieses Verhalten auch in der "Mitte der Gesellschaft" angekommen sein wird - und ob sich dann Kräfte des Widerstandes und der Neuorganisation formieren. Oder ob das Siechtum dann tödlich wird.

Mit Geldtheorie u.ä. haben Erdogans Maßnahmen überhaupt nichts zu tun. Nur so viel wollte ich sagen. Wobei man natürlich darüber philosophieren kann, ob nicht die meisten Schöpfer von Geldsystemen der bisherigen Geschichte mindestens unfaire Ausbeuter, vielleicht aber ganz grundsätzlich gleichermaßen Kriminelle waren. Ist wiederum eine Frage der "Verpackung" dessen, was man dann "Geld" nennt. Und eine Frage der Perspektive ...

MfG, Weiner

Bürgergeld bzw. "social credit"

Weiner, Freitag, 19.11.2021, 18:05 vor 1523 Tagen @ Weiner 2359 Views

Bei uns ist das bedingungslose Grundeinkommen schon seit langem in der Diskussion. Durch Klaus, das Schwäblein, wurde es in einen noch größeren Kontext gerückt: es geht darum, dass Millionen Arbeitsplätze künftig frei werden, man aber für die Produkte der kommenden Roboterindustrie ja eigentlich auch zahlungsfähige Konsumenten haben sollte - sonst bräuchte man ja erst gar nichts produzieren ...

Eine der Ideen, dieses Problem zu lösen - es gibt bekanntlich weitere Optionen ... - glaubt man dann darin zu sehen, dass man dem Prekariat einfach Geld zum Konsum überweist. **) Bedingungslos ist das nur am Anfang, die Daumenschrauben werden später nach und nach eingeführt und angezogen. Der Alternativ-Mediziner Coleman hat sich über diese Details schon im Voraus Gedanken gemacht, ich zitiere und übersetze aus einem neueren Beitrag über "social credits", was dann das ungefähre englische Äquivalent zu unserem Terminus 'Bürgergeld' ist:

ZITAT: Sie wissen vielleicht nicht, dass die Bank von England und das britische Finanzministerium derzeit eine digitale Währung vorbereiten, die das Bargeld ersetzen soll - und die es ihnen ermöglicht, zu wissen, was Sie kaufen und wo und wann Sie es kaufen.

Das neue System soll es den Steuerbehörden ermöglichen, Geld von Ihrem Konto abzubuchen, so dass alle Ihre Steuern und Geldstrafen automatisch bezahlt werden. All dies geschieht unter der Schirmherrschaft und mit der Unterstützung der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, die sehr daran interessiert ist, dass die Zentralbanken digitale Währungen schaffen.

Es ist ziemlich klar, dass dies Teil des Sozialkreditprogramms ist, bei dem die Behörden in der Lage sein werden, Sie je nach Ihrem Verhalten zu bestrafen oder zu belohnen. Wenn Sie zuckerhaltige Lebensmittel oder Fleisch kaufen, werden Sie bestraft, indem Sie nicht mehr reisen können. Wer die falschen Websites besucht oder sich mit den falschen Leuten einlässt, wird bestraft, indem ihm der Zugang zu bestimmten Geschäften mit Luxusgütern wie Lebensmitteln und Kleidung verwehrt wird.

In China geschieht dies bereits, und es wird auch hier eingeführt. Es ist eine Erweiterung des Impfpasses. Ohne einen digitalen Pass werden Sie nicht existieren. Sie werden wie ein Bürger der UdSSR oder des Ostblocks sein, der versucht, ohne Papiere zu leben. ZITAT ENDE.

Quelle: https://dailyexpose.uk/2021/11/18/dr-vernon-coleman-social-credit-is-comings/
Übersetzt mit deepl.com

Coleman ist ein Vielschreiber (Warnung also, Bücherliste ganz unten), aber er kennt sich auch sehr gut aus. Von ihm habe ich gelernt, dass die Konzeption der EU primär nicht auf amerikanische Kreise zurückgeht, sondern die Blaupausen eigentlich in Nazi-Deutschland erstellt worden sind (ist also wie mit den Raketen, der Atombombe und vielem anderem ...)

https://de.scribd.com/document/316290631/A-Short-History-of-the-EU-and-the-Euro-Vernon-...

Coleman macht immer wieder auch auf die BIS/BIZ in Basel aufmerksam, die tatsächlich einen erheblichen Einfluß hat, teils von der Normenbildung her (Eigenkapitalquote, Sicherheit etc.), teils durch ihre Statistiken und Interpretationen, nicht zuletzt aber auch dadurch, dass sie eine Plattform für den diskreten Austausch innerhalb des kleinen, aber weltumspannenden Kreises der Entscheidungsträger darstellt. Mögen die steuernden Hirn-Kerne und emotionalen (Willens-) Zentren des globalen Wirtschaftssystem woanders liegen, so liegt doch sein koordinierender CORTEX in der Schweiz. Noch ...

MfG, Weiner


https://www.vernoncoleman.com/main.htm

https://vernoncoleman.org/books

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

**) https://www.youtube.com/watch?v=ERRvsDX4Xr8

Der Plan | Metaversum | Vierte Industrielle Revolution - Ernst Wolff im Gespräch mit Krissy Rieger (30 min. / paar Tage alt / ~ 40.000 Aufrufe)

Nein, das hat er nicht, weil ...

Beo2 @, NRW Witten, Freitag, 19.11.2021, 18:08 vor 1523 Tagen @ stokk 2197 Views

bearbeitet von Beo2, Freitag, 19.11.2021, 18:29

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan glaubt an eine Wirtschaftstheorie, die nur wenige andere unterstützen. Er hat immer wieder argumentiert, dass die hohen Zinssätze der Zentralbank die Inflation verursachen.,

Das ist kompletter Unsinn, weil: Wenn hohe Zinssätze der ZB überhaupt einen Einfluss auf die Güterpreise in der Realwirtschaft haben, dann kann es nur ein deflationärer Einfluss sein .. wegen tendenzieller Geldverknappung. Das ist doch klar. Daraus folgt jedoch nicht der Umkehrschluss: dass Senkung dieser Zinssätze zu einer Inflation bei den Gürtern des täglichen Bedarfs führen MUSS. Das haben wir gleich ...

Die gängigere Theorie besagt, dass die Inflation unter anderem dadurch verursacht wird, dass zu viel Geld für zu wenig Waren ausgegeben wird.

Auch diese Theorie ist Unsinn, weil: Es kommt nämlich darauf an, ob! das "zu viele Geld" tatsächlich reale Güter nachfragt ...
Dies ist in der EU bzw. der BRD offensichtlich nicht ganz der Fall, weshalb die EZB ja Jahrzehnte lang große Mühe hatte, die Inflation (bei realen Warenkörben) auf 2% anzuheben .. und das, obwohl sie waggonweise Geld in das "System" kippte. Es wollte nicht "gelingen" .. und das ist auch (mir seit Jahrzehnten) völlig klar, denn die EZB hat keinerlei Berührung mit der (produktiven) Realwirtschaft - hat also gar nichts insb. mit der Entwicklung der Löhne und Einkommen, mit etwaigen Lieferengpässen, Preisabsprachen usw. etc. zu tun. Sie ist davon völlig abgetrennt und kann lediglich Geld in die Banken kippen und mit E. auch hin zum Staat (via die Staatsanleihen). Letzteres kann noch eine leidliche Inflation bewirken (via Subventionen, Sozialleistungen, Altersrenten u.ä.), jedoch nur auf Kosten ausufernder Staatsverschuldung und anderer schädlicher Nebenwirkungen.

Das bedeutet, dass das viele Geld, das die EZB ins "System" gekippt hat und immer noch kippt, nach 2-3 Hopsern auf den realen Gütermärkten schnurtracks in die Spekulationsblasen geströmt ist .. und dort ja für die Hyperinflation bei den diversen Assets wie Aktien, Rohstoffen etc. verursacht hat. Dies geschieht hauptsächlich via die hohen Einkommen der Besserverdienenden .. d.h. via die extrem schiefe Einkommensverteilung in der Bevölkerung.
Nein, die EZB kann lediglich 1) entweder eine Deflation durch Geldknappheit oder 2) nur eine Hyperinflation an den Zockerbörsen erzeugen .. so z.B. beim Gold, dem Bitcoin, Aktien, Immobilien etc.. Sonst nichts .. und das ist schlimm genug.

Die türkische Zentralbank hat die Zinsen nun wieder gesenkt, was zu einem Zerfall der türkischen Lira führte.

Erstens, der Zerfall der Lira ist kurzfristig nichts anderes als Psychokram an den Währungsbörsen und die Folge von Börsenspekulation (Foreign Exchange).
Und zweitens, mittelfristig dürfte hier ein Devisenmangel bei der türkischen ZB eine Rolle spielen .. etwa wegen einem Handelsbilanzdefizit der Türkei. Sie muss dann die Devisenpreise im Inland erhöhen und verstärkt Devisen bei den Inländern einkaufen. Hier haben wir es ja:
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/15633/umfrage/handelsbilanz-der-tuerkei/
Also, so lange die Türkei einen großen oder zunehmenden Handelsbilanzdefizit aufweist, muss m.M.n. die Lira fallen. Und umgekehrt, z.B. die damalige DEM wurde härter, weil DE Exportweltmeister war und sich vor Zustrom von Devisen (wie $US) kaum retten konnte.

Ansonsten, es muss unterschieden werden zwischen einer "guten", d.h. einer wachstumsfördernden Inflation (wie neulich in den USA), und einer "bösen Inflation", die eher zu einem BIP-Rückgang führt. Aber das ist ein anderes Thema.

Mit Gruß, Beo2

makroökonomisch

Manuel H. @, Samstag, 20.11.2021, 09:50 vor 1522 Tagen @ Beo2 1813 Views

Du erklärst die Zusammenhänge völlig richtig. Interessant fände ich noch, soweit das möglich ist, Inflation von Teuerung abzugrenzen.

Du schreibst:
z.B. die damalige DEM wurde härter, weil DE Exportweltmeister war und sich vor Zustrom von Devisen (wie $US) kaum retten konnte.

An diese Zeiten kann ich mich noch erinnern (70er). Die Auslandsreise kam dann in Mode, um wenigstens einen Teil der Devisen im Ausland gegen Leistung wieder abzuladen. Da erreichte den Segen wenigstens mal den Fabrikarbeiter, der sich die von ihm produzierten Autos nicht leisten sollte (sie gingen ja ins Ausland).
Weiter wechselte die Bundesbank ihre Dollar Devisen in physischen Goldbesitz, der dann auf Nimmerwiedersehen in den Tresoren der FED wandern durfte.

Letztendlich wurde doch mit jeder Aufwertung der D-Mark das im Besitz Deutschlands befindliche Devisenguthaben abgewertet, den ausländischen Kunden also nachträglich ein erheblicher Rabatt auf ihre Einkäufe eingeräumt.
Oder habe ich da einen Denkfehler? :-)

Die Aufwertung der DM und die Auslandsreisen der Deutschen sorgten für einen Ausgleich

Morpheus @, Samstag, 20.11.2021, 11:06 vor 1522 Tagen @ Manuel H. 1803 Views

Hallo Manuel H.

das war eine gute Sache, die durch die Einführung des Euros leider zerstört wurde.

Große Währungsräume funktionieren schlechter als kleine Währungsräume.
Viele kleine Währungsräume organisieren genau über die Wechselkurse selbst den wirtschaftlichen Ausgleich, wie Du es richtig dargelegt hast. Während große Währungssysteme die Ungleichheit fördern, Super-Reiche nötig machen, die die Überschießenden Geldmengen der großen Währungsgebiete aufsaugen müssen, damit Geld in der Fläche knapp bleibt. Weil die mit dem Aufsaugen des Geldes zu erfolgreich sind, muss, damit Geld nicht zu knapp wird, ständig neues Geld nachgeführt werden, also Kredite vergeben werden, was dann am Ende zu den Bankpleiten und der Deflationskrise führt.

Grüße
Morpheus

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Außenhandelsbilanz, Löhne & Gewerkschaften etc. ..

Beo2 @, NRW Witten, Samstag, 20.11.2021, 13:09 vor 1522 Tagen @ Manuel H. 1756 Views

Du erklärst die Zusammenhänge völlig richtig. Interessant fände ich noch, soweit das möglich ist, Inflation von Teuerung abzugrenzen.

Ich finde deine Unterscheidung sachlich richtig, jedoch nicht für "allgemein üblich". Ich verwende den Begriff Inflation deshalb lieber "im geläufigen Sinne", der Verständlichkeit wegen, und unterscheide zugleich zwischen "guter" (= Lohn-Preis-Spirale) und "schlechter Inflation" (= Stagflation).

-> z.B. die damalige DEM wurde härter, weil DE Exportweltmeister war und sich vor Zustrom von Devisen (wie $US) kaum retten konnte.

An diese Zeiten kann ich mich noch erinnern (70er). Die Auslandsreise kam dann in Mode, um wenigstens einen Teil der Devisen im Ausland gegen Leistung wieder abzuladen. Da erreichte den Segen wenigstens mal den Fabrikarbeiter, der sich die von ihm produzierten Autos nicht leisten sollte (sie gingen ja ins Ausland).

Ja, das erinnere ich auch so. Jeder deutsche Malocher konnte sich einen schönen Auslandsurlaub in Süd-Europa leisten; und einen VW-Käfer oder Opel oft noch dazu. Selbst all die Gastarbeiter konnten das.

Du musst aber mitbedenken, dass wir damals sehr starke Gewerkschaften hatten - mit Organisationsgrad von über 90% der Arbeitnehmer - die ohne Wenn und Aber regelmäßig starke Lohnsteigerungen durchsetzen konnten .. nicht zuletzt mittels der großen Streiks. Das ist vorbei. Heute ist der Organisationsgrad weit unter 15%. Das hat folgende Konsequenzen:
Auch heute ist DE zwar ein Exportweltmeister, aber die Reallöhne stagnieren. Heute bekommen die deutschen Malocher anstelle von billigen Devisen diese Luftnummer: "Target2"! Also den Stinkefinger! Du verstehen? Das janze Geld in Euro behalten jetzt die Unternehmer und ihre Managerbonzen für sich. Nix billiger Urlaub im Ausland, Du Malocher!

Es ist immer wichtig, zwischen der überwiegend exportierenden und der hauptsächlich binnenmarkt'abhängigen Wirtschaft zu unterscheiden: Die exportierende Wirtschaft braucht gar keine Löhne zu zahlen, da sie diese NICHT als Einnahmen benötigt. Die binnenmarkt'abhängige Wirtschaft kann sich aber Lohnsenkungen gar nicht leisten, da sie entsprechende Einnahmeneinbußen hätte und einpacken kann.
Das bedeutet: Ohne starke Gewerkschaften oder entsprechende "Lohnpolitik" der Regierung krebsen binnanmarkt'abhängige Unternehmen vor sich hin (= tendenzielle Rezession), WENN, wie im Falle von DE, die exportierenden Unternehmen wachsen und selbstverständlich die Löhne drücken.

Weiter wechselte die Bundesbank ihre Dollar Devisen in physischen Goldbesitz, der dann auf Nimmerwiedersehen in den Tresoren der FED wandern durfte.

Ja, auch dem stimme ich zu.

Letztendlich wurde doch mit jeder Aufwertung der D-Mark das im Besitz Deutschlands befindliche Devisenguthaben abgewertet, den ausländischen Kunden also nachträglich ein erheblicher Rabatt auf ihre Einkäufe eingeräumt.

Ich würde nur sagen: dass die Exporte verteuert wurden, was den Exportüberschuss gebremst hat .. was grundsätzlich sinnvoll ist. Deshalb halte ich freie Wechselkurse für wichtig.
Eine gesunde VW hat eine ausgeglichene Außenhandelsbilanz .. was ihr die größtmögliche Stabilität verleiht. Dies ist im Sinne einer "Optimierungsfunktion" zu verstehen = goldene Mitte; der Königsweg.

Oder habe ich da einen Denkfehler?

Das kann ich im Moment nicht beurteilen.

Mit Gruß, Beo2

Ich muss/möchte mich korrigieren ...

Beo2 @, NRW Witten, Samstag, 20.11.2021, 11:41 vor 1522 Tagen @ Beo2 1787 Views

Meine Äußerungen im Vorposting treffen nur dann zu, wenn der Begriff "deflationäre Wirkung" durch den Begriff "wachstumsmindernde Wirkung" (auf das Real-BIP) ersetzt wird. Das ist nämlich nicht dasselbe.
Eine Wachstumsminderung kann auch durch steigende Inflation eintreten. Ich spreche in solchem Zusammenhang, und das nicht erst seit gestern, von "schlechter oder böser Inflation" (oder von Stagflation), d.h. "böse" aus makro-/wirtschaftspolitischer Sicht. Die Begründung:

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan glaubt an eine Wirtschaftstheorie, die nur wenige andere unterstützen. Er hat immer wieder argumentiert, dass die hohen Zinssätze der Zentralbank die Inflation verursachen.,

Hier muss ich mich korrigieren und dem Erdogan sogar Recht geben. Steigende Zinssätze verursachen tendenziell! eine "schlechte/böse Inflation" und wirken sich deshalb wachstumshemmend bzw. wachstumsmindernd. Andere Ursachen für "schlechte/böse Inflation" sind z.B. auch: knapper werdender Rohstoff, Monopolbildung, Preisabsprachen, Zerstörung von Produktionsstätten oder Lieferketten durch Sabotage oder Naturgewalt u.ä..

Der Erdogan hat Recht, aber nur wenn auf die "allgemeine Preissteigerung" fokussiert (was aber keinen Sinn hat). Weil:

_ 1) steigende Zinssätze sind steigender Kostenfaktor für die kreditnehmenden Unternehmen. Und diese steigenden Kapitalkosten müssen eingepreist werden. Ergo: Es gibt steigende Preise für die Endprodukte .. und aber: Dies geschieht bei gleichbleibenden! Löhnen. Steigende Preise bei gleichbleibenden Löhnen müssen sich negativ! auf das reale BIP-Wachstum auswirken (= schlechte/böse Inflation) .. zumindest bei den Gütern des täglichen Lebens sowie bei Gütern im unteren Preissegment.
_ 2) steigende Zinssätze führen zu mehr! Insolvenzen bei den Unternehmen, da nicht alle eine Steigerung ihrer Produktpreise (siehe Punkt 1) auf dem Markt durchsetzen können. Folglich sinkt auch die Kreditnachfrage .. und dies hat (alles in allem) ebenfalls eine wachstumsmindernde Wirkung auf das Real-BIP.

Soviel also zu "schlechter/böser Inflation". Eine positive, d.h. wachstumsfördernde Inflation kann nur! und allein! durch eine ganz bestimmte Wirtschaftspolitik erzeugt werden, und zwar durch: Anhebung des gesetzlichen Mindestlohns, steigende Sozialleistungen (an Bedürftige), steigende gesetzliche Altersrenten, Subventionen von Löhnen, steigende Pflichtzuschläge auf Überstunden u.a.m. - das heißt, durch knallharte Herbeiführung von sehr spürbarem Einkommenszuwachs bei den unteren 2/3 oder 3/4 der Bevölkerung. Es gibt kein anderes Rezept für die Erzeugung einer Lohn-Preis-Spirale, die allein ein reales Wachstum herbei führen kann. Es geht also nicht ohne eine Umverteilung von Einkommen.

Die gängigere Theorie besagt, dass die Inflation unter anderem dadurch verursacht wird, dass zu viel Geld für zu wenig Waren ausgegeben wird.

Diese Theorie habe ich in meinem Vorposting m.M.n. richtigerweise verworfen ...
Wie ich schon sagte: Es kommt nämlich darauf an, ob! das "zu viele Geld" tatsächlich reale Güter des täglichen Bedarfs nachfragt. Dies ist in der EU bzw. der BRD offensichtlich nicht ganz der Fall, weshalb die EZB ja Jahrzehnte lang große Mühe hatte, die Inflation (bei bestimmten Warenkörben) auf 2% anzuheben.
Bei Waren im höchsten Preissegment und bei Luxusgütern sieht es aber durchweg anders aus .. hier gab es wohl reichlich Inflation. Es hat m.M.n. keinerlei wirtschaftspolitischen Sinn, von "allgemeiner"! Preisentwicklung (unabhängig von bestimmten Warenkörben) zu schwafeln .. es verleitet nur zu falschen Schlüssen und Maßnahmen. Eine ganz spezielle Kategorie von Gütern sind z.B. auch die Wohnungs-/Hausmieten, die Energiepreise und die Baukosten.

Die türkische Zentralbank hat die Zinsen nun wieder gesenkt, was zu einem Zerfall der türkischen Lira führte.

Abgesehen davon, was ich hierzu in meinem Vorposting bereits und wohl richtigerweise sagte, gibt es m.M.n. noch folgendes zu beachten:

_ 1) sinkende Zinssätze senken die Kapitalkosten der kreditnehmenden Unternehmen und "führen" deshalb tendenziell zu sinkenden Preisen bei den Endprodukten. Dies geschieht bei gleichbleibenden Löhnen, was wiederum die Kaufkraft der Löhne erhöht. Dies führt tendenziell zu einem Wirtschaftswachstum .. trotz sinkender "allgemeiner Preise".
Aber auch hier muss unbedingt zwischen verschiedenen Warenkörben und Preissegmenten unterschieden werden.
_ 2) sinkende Zinssätze führen zu sinkender Anzahl von Insolvenzen, da auch unrentable Unternehmen durch die gesenkten Kapitalkosten plötzlich wieder rentabel sind, wenn sie ihre bisherigen Produktpreise aufrecht erhalten können (siehe angebliche "Zombie-Unternehmen"). Dies ist ebenfalls tendenziell wachstumsfördernd.

Ein anderes Thema m.M.n. der Fall der türkischen Lira. Zu dem von mir im Vorposting bereits Gesagte (nämlich zum Thema Außenhandelsdefizit) käme also noch hinzu: das Abwürgen des Wirtschaftswachstums durch zu hohe Zinssätze, wie oben von mir dargestellt. Das Absenken dieser Zinssätze könnte durchaus, muss aber nicht unbedingt!, zur Erholung der Wirtschaft sowie zur Senkung der "allgemeinen Preise" (bei gleichbleibenden Löhnen) beitragen .. wennauch mit unerwünschten Nebenwirkungen (wie Akkumulation von Geldvermögen in wenigen Händen).

Insofern könnte der Erdogan Recht haben.
Mit Gruß, Beo2

Japan hat seit 30 Jahren quasi Nullzinsen

CalBaer @, Freitag, 19.11.2021, 18:40 vor 1523 Tagen @ stokk 2172 Views

Und schafft keine nennenswerte Inflation. Nach gaengiger Oekonomenmeinung muesste Japan schon laengst durch die Hyperinflation sein. Erdogan scheint recht zu haben. Aber nur scheinbar. Oekonomen bis auf wenige Ausnahmen verstehen das Geldsystem sowieso nicht und wollen es auch nicht verstehen.

--
Ein ueberragender Teil der Oekonomen, Politiker, Banker, Analysten und Journalisten ist einfach unfaehig, Bitcoin richtig zu verstehen, weil es so revolutionaer ist.
Info:
www.tinyurl.com/y97d87xk
www.tinyurl.com/yykr2zv2

...und Rückgang des Realeinkommens um ca. 1% pro Jahr - seit 30 Jahren!

Mephistopheles, Freitag, 19.11.2021, 19:25 vor 1523 Tagen @ CalBaer 2153 Views

Und schafft keine nennenswerte Inflation. Nach gaengiger Oekonomenmeinung muesste Japan schon laengst durch die Hyperinflation sein. Erdogan scheint recht zu haben. Aber nur scheinbar. Oekonomen bis auf wenige Ausnahmen verstehen das Geldsystem sowieso nicht und wollen es auch nicht verstehen.

Es ist nicht so, dass die Japaner nicht wollten, sie können sich schlicht keine Kinder mehr leisten. Wohnungen sind für Normalverdiener unbezahlbar. Zumindest nach Markus Krall, der einmal in Japan gearbeitet hat.

Gruß Mephistopheles

Das leidige Nachschuldnerproblem

CalBaer @, Freitag, 19.11.2021, 19:46 vor 1523 Tagen @ Mephistopheles 2099 Views

bearbeitet von CalBaer, Freitag, 19.11.2021, 19:50

Die japanischen Privathaushalte waren in den 1980ern in der Schuldenorgie. Irgendwann kann man es nicht mehr steigern - irgendwann ist Schluss mit flotten Wochenenden, (wie @dottore es beschrieb). Das exponentielle Wachstum siecht dahin trotz massiver Staatsinterventionen.

Fuer Bevoelkerungswachstum braucht man erst einmal eine Steigerung der Nahrungsmittelproduktion aka Wirtschaftswachstum (Duenger, Maschinen, Technologie). Bevoelkerungswachstum ist daher nur die Folge, nicht die Ursache von Wirtschaftswachstum.

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Ein ueberragender Teil der Oekonomen, Politiker, Banker, Analysten und Journalisten ist einfach unfaehig, Bitcoin richtig zu verstehen, weil es so revolutionaer ist.
Info:
www.tinyurl.com/y97d87xk
www.tinyurl.com/yykr2zv2

Schwache Waehrung: Segen oder Fluch?

CWA @, Freitag, 19.11.2021, 19:02 vor 1523 Tagen @ stokk 2138 Views

Klar: Fluch.
Unter Erdogans Niedrigzinspolitik wird die Tuerkei in weiten Teilen verarmen, weil die Waehrung immer weiter faellt und so der Aussenwert vernichtet wird. Jedes Importgut, insbesondere die wichtigen Rohstoffe und Oel, werden sehr teuer, so dass die Produktion zum Erliegen kommen wird.

Noch kein Land der Welt ist reich geworden durch die nachhaltige Abwertung der eigenen Waehrung.
Die Schweiz und Westdeutschland sind die besten Beispiele.

Die Lira faellt und faellt, wenn der Realzins hoch negativ ist, weil die Zinsen kuenstlich weiter unter der Inflation gehalten werden. Deswegen faellt derzeit auch der EUR.

Durch die steigenden Importpreise entsteht hohe Inflation. Um diesem Verlust zu entgehen, tauscht man die eigene Schwachwaehrung in andere Waehrungen oder in Gold, oder man kauft Aktien und Immobilien, oder bringt es ins Ausland. Aber das ist nicht produktiv.

Irgendwann kann man diese Negativspirale nicht mehr aufhalten. In der Tuerkei haben viele Firmen USD-Schulden aufgenommen, die aufgrund des Lira-Verfalls immmer teurer werden. Viele sitzen in der Schuldenfalle.

Ich bin sehr skeptisch.

Im uebrigen ist Lagarde mit der Nierdigzinspolitik nicht viel besser als Erdogan.
Der EUR faellt - noch nicht so stark wie die Lira. Aber der Trend ist eindeutig negativ.

immer wieder der gleiche Denkfehler

Manuel H. @, Samstag, 20.11.2021, 08:59 vor 1522 Tagen @ CWA 1981 Views

Um diesem Verlust zu entgehen, tauscht man die eigene Schwachwaehrung in andere Waehrungen oder in Gold, oder man kauft Aktien und Immobilien, oder bringt es ins Ausland.

Bitte makroökonomisch denken:
Um mit der "Schwachwährung" andere "Schwach-" oder Starkwährungen zu kaufen, braucht es notwendigerweise immer einen, der sie kauft. Kauft man damit Gold, Aktien oder Immobilien, braucht es immer einen Verkäufer, der diese angebliche "Schwachwährung" für so erstrebenswert hält, dass er seine "tollen" Sachgüter gegen "Schwachwährung" hergibt.
Für den Verkäufer, den Du notwendigerweise brauchst, ist Deine "Schwachwährung" immer eine "Starkwährung", zumindest stärker als die hergegebenen Devisen oder Sachgüter.

Man kann die "Schwachwährung" auch ins Ausland bringen. Dort hat sie üblicherweise allerdings keine Kaufkraft (Wert sowieso nie). Ob sie unter dem heimischen oder ausländischen Sofa versteckt wird, ist im übrigen der "Schwachwährung" oder "Starkwährung" egal.

Inflation entsteht durch das Absinken des Geldbeschaffungszwangs

Morpheus @, Samstag, 20.11.2021, 11:37 vor 1522 Tagen @ stokk 1863 Views

Hallo stokk,

Inflation ist der Aspekt von Geld, der mir am längsten verborgen blieb. Inflation ist wirklich schwer zu verstehen, aber gerade in diesen Tagen bekommen wir alle vorgeführt was passiert.

Die Lieferketten sind extrem strapaziert und wo liegt die Ursache für diese Probleme?
Schiffe können nicht entladen werden und stauen sich, weil Waren nicht abtransportiert werden. LKW-Fahrer fehlen zu zehntausenden. Fleischbetriebe haben große Schwierigkeiten, weil sie kein Personal mehr finden.

Die Arbeitsbedingungen in beiden Sektoren waren sehr schlecht. Viel und unangenehme Arbeit, LKW-Fahrer stets weg von zu Hause, bei niedrigen Löhnen. Jetzt wurde während Corona ganz bewusst viel Geld verteilt und auch absichtlich in der Realwirtschaft verteilt. Weil jedem noch so dummen ZB-Bänker musste auffallen, dass wenn sie Geld immer nur an die Banken und die Finanz-Industrie verteilen, die Wirtschaftsprobleme nicht aufhören werden.

Nur haben sie offensichtlich nicht verstanden, was sie anrichten, wenn sie nicht Maß halten bei ihrer Aktion. Dann sind die Menschen weniger gezwungen Arbeit zu suchen, weil sie Geld schon haben und nicht mehr beschaffen müssen. Also fehlen in den Sektoren, wo die Bedingungen schlecht sind, sofort die Arbeitskräfte. Weil schlechte Arbeit für wenig Lohn macht keiner mehr, wenn er genug Geld hat.
Also müssen die Löhne angehoben werden und das zieht sich dann als Teuerung durch alle Bereiche und damit wird das Geld dann auf einem höheren Preisniveau wieder knapper und der Geldbeschaffungszwang verstärkt sich dadurch wieder, die Leute sind wieder gezwungen jede Arbeit anzunehmen und die Lieferketten werden sich in diesen Bereichen wieder stabilisieren.

Im Pflegebereich ist das genauso auch der Fall. Dort können die Löhne nur nicht steigen, weil es kein Markt ist, sondern ein staatlich bewirtschaftetes Zwangssystem, was die zu zahlenden Preise für Leistungen festlegt. Und deshalb wird der Bereich wegen Personalmangel kollabieren, wenn sie an der Bezahlung nichts ändern. Was allerdings auch noch einen zweiten Aspekt hat. Wenn durch die hohen Personalnebenkosten, für jede Pflege-Stunde zwei Stunden bezahlt werden müssen, kann das seitens der Zahler eben auch nicht gut funktionieren. Aber das ist wieder ein anderer negativer Aspekt. Denn gerade die Nebenkosten würden weiter steigen, wenn die Preise in der Pflege steigen würden. Das gesamte staatliche Zwangssystem kann so nicht funktionieren und steuert auf einem Kollaps zu.

Das Inflation an mangelndem Geldbeschaffungszwang liegt, sieht man hervorragend bei Top-Managern und Profi-Sportlern. Die Spitzen-Leute verdienen extrem viel Geld, weil sie nicht arbeiten müssen, sondern nur arbeiten wollen, und das nur dann, wenn die Bedingungen wirklich optimal für sie sind. Dafür müssen Vereine und Konzerne dann riesige Geldbeträge hinblättern.
Auch Apple kann seine Hochpreis-Politik bestens durchhalten, weil das Unternehmen auf riesigen Bergen an Cash sitzt. Wer Geld hat, kann mehr Geld leicht verdienen. Das System hat hier einen Regelmechanismus, der ungünstig ist, weil er Geldkonzentration fördert.

Aber andererseits ist es in Zeiten von unbegrenztem Kreditgeld auch nötig, dass sich das Geld, was zu viel im System kreist, bei wenigen konzentriert, die damit die Knappheit für die Masse der Menschen sicherstellen. Würde es diese Konzentration nicht geben, wäre die generelle Inflation deutlich schlimmer. Es ist ein komplexes System.

Ohne eine räumliche Begrenzung der Geldflüsse und regionale (maximal Größe Saarland) Währungsräume wird sich eine gleichmäßige, gerechte Geldversorgung nicht stabil organisieren lassen. Der Wasserdruck in den Körpern von Lebewesen lässt sich auch nur gleichmäßig halten, weil es Zellwände gibt. Würden wir keine Zellwände im Körper haben, wäre alles Wasser in den Füßen und wir würden wie eine tote Qualle am Boden liegen.

Grüße
Morpheus

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