Umständehalber kommt jetzt erst der volle Text, diesmal wenigstens ohne die vielen Tipp- und Satzfehler, bitte entschuldigt die dahingehende Zumutung im Vorposting. Es lohnt sich (wenigstens für alle, die den Film "300" kennen), Herodot einmal ungekürzt am Stück zu lesen:
Hintergrund
Der persische Großkönig Xerxes, Despot und Gebieter über hundert asiatische und nordafrikanische Völker, regierte im frühen fünften vorchristlichen Jahrhundert als Nachfolger seines Vaters Dareios das größte Weltreich der Geschichte. Nachdem Dareios mit einer halbherzigen Strafexpedition gegen Athen 490 v.Chr. bei Marathon gescheitert war, rüstete sein Sohn bald nach seiner Inthronisierung für einen Feldzug gegen ganz Griechenland. Dank den unerschöpflichen Ressourcen seines Großreiches scheute Xerxes keine Kosten und Mühen, um ein dreihunderttausend Mann starkes Expeditionsheer auf die Beine zu stellen. Dies war die bis heute größte Invasionsarmee, die (mit Ausnahme des D-Days 1944) je in Europa eingefallen ist!
Xerxes hatte im Frühjahr 480 v.Chr. Pontonbrücken über den Hellespont bauen lassen, um sein Landheer von Kleinasien nach Europa überzusetzen. Der Heerwurm wälzte sich in den folgenden Monaten entlang der Küste durch Thrakien, Makedonien und Thessalien, ohne dabei auf bewaffneten Widerstand zu stoßen. Manche nordgriechischen Völker und Städte waren schon vorab "medisiert", die übrigen unterwarfen sich spätestens im Angesicht der völligen Überzahl der Perser kampflos. Da die Truppen des Großkönigs mitunter die „Flüsse leer tranken“ sowie die Ernten und Vorräte der betroffenen Länder aufzehrten, hofften alle Staaten und Städte, das Perserheer möge schnell passieren.
Im August erreichte das Heer schließlich den Engpass an den Thermopylen, der nach Süden ins griechische Kernland führt. Im Kontrast zum streng hierarchischen persischen Imperium, war Mittel- und Südgriechenland generell eher ein „Flickenteppich streitsüchtiger, arroganter, selbstverliebter Stadtstaaten“ [Holland: Persisches Feuer, S. 11] : geeint zwar durch Sprache, Sitten und Glauben, aber ständig untereinander zerstritten. Anlässlich Xerxes’ Feldzug hatte sich aber unter den freiheitsliebenden und unbeugsamen Poleis, allen voran Athen und Sparta, ausnahmsweise eine Verteidigungskoalition arrangiert. Während Athen zuletzt noch eilig seine Flotte verstärkte, verfügte Sparta in jener Zeit über das kampfstärkste Hoplitenheer unter den Griechen und genoss die Loyalität einiger weiterer südgriechischer Städte (Peloponnesischer Bund).
Für die Ereignisse der drei Schlachttage folgen wir nun Herodot [VII, 201 ff.]:
„König Xerxes also lagerte in der Landschaft Trachis in Malis, die Hellenen aber an dem Engpaß. Die meisten Hellen nennen den Ort Thermopylai, die Einwohner aber und die Nachbarn nennen ihn Pylai. So lagerten die beiden Heere; Xerxes beherrschte alles Land, das nach Norden zu liegt bis Trachis, die Hellenen aber das ganze Gebiet südlich des Passes auf dem Festland.
Folgende Hellenen standen dort dem Perserkönig gegenüber: aus Sparta dreihundert Schwergerüstete, aus Tegea und Mantinea tausend, nämlich fünfhundert aus jeder Stadt, aus Orchomenos in Arkadien hundertzwanzig, aus dem übrigen Arkadien tausend, aus Korinth vierhundert, aus Phlius zweihundert und aus Mykene achtzig, Das waren die Peloponnesier, von den Boiotern aber siebenhundert aus Thespiai und vierhundert aus Theben.
Außer diesen waren noch zur Hilfe aufgeboten die opuntischen Lokrer mit ihrem ganzen Heer und tausend Phoker. Diese hatten die Hellenen selber aufgeboten und ihnen sagen lassen, sie kämen nur als Vorläufer der anderen, die Ankunft der übrigen Bundesgenossen sei täglich zu erwarten; vom Meer her stünden sie gedeckt, da hielten die Athener Wacht und die Aigineten und alle anderen, die zur Flotte gehörten. So hätten sie nichts zu befürchten. Denn der anrückende Feind sei kein Gott, sondern ein Mensch; nun gäbe es aber keinen Sterblichen und würde auch niemals einen geben, dem nicht von der Stunde seiner Geburt an neben allem Glück, auch Unglück beschieden sei, und den Größten treffe das größte; infolgedessen müsse wohl auch dieser Feind, weil er ja sterblich sei, in seiner Hoffart noch zu Fall kommen. Auf diese Botschaft hin eilten die Lokrer und Phoker nach Trachis zu Hilfe.
Diese alle hatten je nach ihrer Stadt ihre besonderen Feldherrn, derjenige aber, der am meisten die Augen auf sich zog und Feldherr war über das ganze Heer, war ein Lakedaimonier, nämlich Leonidas, der Sohn des Anaxandrides, des Sohnes des Leon, des Sohnes des Eurykratides, des Sohnes des Anaxandros, des Sohnes des Eurykrates, des Sohnes des Polydoros, des Sohnes des Alkamenes, des Sohnes des Teleklos, des Sohnes des Archelaos, des Sohnes des Hegesilaos, des Sohnes des Doryssos, des Sohnes des Leobotes, des Sohnes des Echestratos, des Sohnes des Agis, des Sohnes Eurysthenes, des Sohnes des Aristodemos, des Sohnes des Aristomachos, des Sohnes des Kleodaios, des Sohnes des Hyllos, des Sohnes des Herakles, und war wider Erwarten in Sparta zur Königswürde gelangt.
Denn weil er noch zwei ältere Brüder hatte, Kleomenes und Dorieus, hatte er sich jeden Gedanken an das Königtum verbieten müssen. Da aber Kleomenes starb und keinen männlichen Sproß hinterließ, und Dorieus nicht mehr lebte, sondern auch schon gestorben war, nämlich in Sizilien, mußte das Königtum an Leonidas fallen, weil er früher geboren war als Kleombrotos, der Anaxandrides' jüngster Sohn war und Kleomenes' Tochter zur Frau hatte. Dieser Leonidas zog also mit der üblichen Schar von dreihundert Männern, die bereits Kinder hatten, nach Thermopylai. Unterwegs nahm er auch die Thebaner mit, die ich oben schon in der Zahl mit eingerechnet habe, deren Führer Leontiades war, Eurymachos' Sohn. Denn gerade um deren Aufgebot war es ihm besonders zu tun gewesen, weil sie heftig verschrieen waren, sie hielten es mit den Medern. Darum rief er sie zum Krieg auf, um zu erfahren, ob sie Gefolgschaft leisten oder sich offen von dem hellenischen Bund lossagen würden. Sie schickten zwar ihr Aufgebot, dachten jedoch ganz anders.
Die Spartiaten hatten diese Männer unter Leonidas deshalb vorausgeschickt, um die anderen Bundesgenossen zum Anschluß zu ermuntern und zu verhindern, daß sie etwa auch zu den Medern abfielen, wenn sie die Spartiaten zögern sähen. Denn das Fest der Karneen hielt sie noch zurück; das wollten sie erst noch begehen, danach aber in Sparta nur Wachen zurücklassen und schnell mit dem ganzen Heer ins Feld ziehen. Dasselbe gedachten auch die andern Bundesgenossen zu tun, denn es traf sich, dass auch die olympische Feier in eben diese Zeit fiel. Weil sie nun nicht glaubten, dass der Kampf bei Thermopylai sich so schnell entscheiden würde, schickten sie nur erst diesen Vortrab.
Fortsetzung [Herodot VII, 207 ff.]
In Thermopylai aber, als der Perser nahe zu dem Paß herangerückt war, gerieten unterdessen die Hellenen in Furcht, und sie gingen mit sich zu Rate, ob sie nicht abziehen sollten. Die übrigen Peloponnesier wollten auf die Peloponnes umkehren und den Isthmos besetzen; als aber die Phoker und Lokrer sich diesem Vorhaben heftig widersetzten, entschied sich Leonidas dafür, zu bleiben und Boten in die Städte zu senden, dass sie ihnen zu Hilfe kommen sollten, weil sie zu wenig seien, um sich gegen das Heer der Meder zu behaupten.
Während sie darüber Rat hielten, schickte Xerxes einen berittenen Kundschafter, um ihre Zahl und ihre Absichten auszuspähen. Denn er hatte schon in Thessalien gehört, dass hier eine kleine Heermacht unter Führung der Lakedaimonier und ihres Königs Leonidas, eines Herakliden, versammelt sei. Als nun der Reiter nahe genug herangeritten war, überschaute und erspähte er ihr Heerlager, jedoch nicht das ganze; denn die Soldaten hinter der Mauer, die sie wiederhergestellt hatten und besetzt hielten, konnte er nicht sehen, sondern nur diejenigen, die außerhalb der Mauer aufgestellt waren. Weil es sich traf, dass zu dieser Zeit die Lakedaimonier draußen Wache hielten, sah er, wie die einen sich übten, andere aber ihr langes Haupthaar strählten, schaute ihnen dabei verwundert zu und zählte ihre geringe Stärke. Nachdem er sich alles genau gemerkt hatte, ritt er unbehindert zurück, denn keiner setzte ihm nach, da ihn niemand beachtet hatte. So kam er wieder zu Xerxes und erzählte ihm alles, was er gesehen hatte.
Als Xerxes dies hörte, konnte er den Sinn des Vorgangs nicht begreifen und nicht verstehen, dass sie sich nach Kräften darauf vorbereiten, zu sterben oder zu siegen, sondern hielt es für eine Posse. Darum sandte er nach Demaratos, Aristons Sohn, der mit im Heere war, und fragte ihn nach jeder Einzelheit, was das Verhalten der Lakedaimonier bedeuten solle. Der aber sprach: „Schon zuvor, als wir nach Hellas aufbrachen, hast du von mir über diese Männer gehört. Damals verlachtest du mich, da ich dir alles dies, wie ich es voraussah, verkündete. Denn darauf steht all mein Trachten, dass ich vor dir, o König, mich aufrichtig und ehrlich erweise. So höre denn auch jetzt. Diese Männer sind gekommen, um mit dir um den Engpaß zu kämpfen, und zu diesem Kampf machen sie sich bereit. Denn das ist ihr Brauch: Wenn es gilt, das Leben einzusetzen, so schmücken sie zuvor ihr Haupt. Dessen aber sei gewiß, wenn du diese überwindest und die anderen, die noch in Sparta zurückgeblieben sind, dann wird kein anderes Volk auf Erden sich erkühnen, dir Widerstand zu leisten. Denn jetzt trittst du in Kampf gegen das ruhmvollste Königtum, gegen die ruhmvollste Stadt und gegen die tapfersten Männer von Hellas.“ Diese Rede erschien Xerxes unglaublich, weshalb er zum zweitenmal fragte, wie denn so wenig Leute gegen sein Heer den Kampf bestehen sollten? Worauf jeden erwiderte „O König! Strafe mich einen Lügner, wenn es nicht so kommt, wie ich dir sage“.
Doch Xerxes wollte es nicht glauben. Vier Tage ließ er verstreichen und hoffte immer noch, sie würden davonlaufen. Als sie aber nicht abzogen, sondern in ihrer Stellung ausharrten, offenbar nur aus Trotz und Torheit, da ergrimmte er und schickte am fünften Tage die Meder und Kissier gegen sie aus, sie sollten sie lebendig fangen und vor sein Angesicht bringen. Die Meder warfen sich mit Ungestüm auf die Hellenen, und so viele von ihnen auch fielen, drängten doch immer neue nach, und sie wichen nicht, so hart auch ihr Verlust war. Da offenbarten sie jedermann und zumal dem König selbst, dass auf ihrer Seite wohl viele Menschen, aber wenig Männer waren. Der Kampf dauerte den ganzen Tag hindurch,
Als aber die Meder gar zu hart mitgenommen wurden, zogen sie sich zurück. An ihre Stelle traten nun die Perser, die „Unsterblichen“, wie sie der König nannte, unter Hydarnes; sie sollten ihrer wohl leicht Herr werden. Als sie aber mit den Hellenen ins Gefecht kamen, richteten sie nicht mehr aus als die Meder, sondern es erging ihnen ganz genauso, weil sie auf engem Raume kämpfen mussten und kürzere Speere führten als die Hellenen und daher ihre Überzahl nicht nutzen konnten; die Lakedaimonier aber fochten auf rühmliche Weise und zeigten, dass sie das Kriegshandwerk verstanden, die Feinde aber nicht. So taten sie oftmals, als ergriffen sie die Flucht; wenn dann die Barbaren schreiend und lärmend hinter ihnen herrannten, ließen jene sie nahe an sich herankommen, machten dann plötzlich kehrt und hieben unzählige Perser nieder. Dabei fielen aber auch von den Spartiaten einige wenige. Weil also die Perser nicht in den Paß vordringen konnten, obwohl sie es in ganzen Scharen und auf mancherlei Weise versuchten, zogen sie sich schließlich doch zurück.
Bei diesen Angriffen soll der König, der dem Kampf zusah, dreimal von seinem Sitz aufgefahren sein in Angst um sein Heer. So endete für diesmal der Kampf, Aber auch an dem folgenden Tage fochten die Barbaren nicht erfolgreicher. Denn wiederum griffen sie an und meinten, weil die Hellenen nur wenige waren, ihnen so viele Wunden beibringen zu können, dass sie keinen Widerstand mehr leisten könnten. Aber die Hellenen kämpften, geordnet nach Haufen und Stämmen, und jeder hatte seinen bestimmten Platz, außer den Phokern, die oben in den Bergen standen, um den Fußpfad zu bewachen. Als nun die Perser erkannten, dass die Sache noch ebenso stand wie tags zuvor, zogen sie wieder ab. Als der König schon völlig ratlos war, wie er der Sache beikommen sollte, begab es sich , dass ein malischer Mann, Ephialtes, Eurydemos’ Sohn, der sich dafür einen großen Lohn vom König erhoffte, zu ihm herantrat und ihm den Fußpfad verriet, der durch das Gebirge nach Thermopylai führt, und damit alle Hellenen, die dort ausharrten, ins Verderben stürzte. Später floh er aus Furcht vor den Lakedaimoniern nach Thessalien, aber von den Pylagoren in der Versammlung der Amphiktyonen bei Pylai wurde ein Preisgeld auf seinen Kopf gesetzt, und als er später nach Antikyra zurückkehrte, wurde er von Athenades, einem Mann aus Trachis, erschlagen, zwar aus einem anderen Grund, den ich den nachfolgenden Geschichten anzeigen will, doch wurde er gleichwohl von den Lakedaimoniern dafür belohnt. So fand dieser Epialtes nachmals seinen Tod.
Es gibt aber auch noch eine andere Erzählung, dass nämlich Onetes, Phanagoras’ Sohn aus Karystos, und Korydallos aus Antikyra dem König jenen Fußpfad verraten und den Persern den Weg durch das Gebirge gezeigt hätten. Doch scheint mir dies wenig wahrscheinlich. Denn einmal muß man dabei bedenken, dass die hellenischen Pylagoren – und die mussten es doch am meisten wissen – nicht auf Onetes’ und Korydollos’ Leben einen Preis gesetzt haben, sondern auf das des Epialtes aus Trachis. Und zum anderen wissen wir, dass Epialtes aus diesem Grund geflohen ist. Onetes, obwohl er kein Malier ist, mag freilich auch von dem Fußpfad gewusst haben, sofern er sich in der Gegend viel umgetan hatte; Epialtes ist der Mann, der sie auf dem Pfad durch das Gebirge geführt hat, und darum nenne ich diesen als Schuldigen.
König Xerxes aber ging gern auf Epialtes’ Anerbieten ein und schickte sofort Hydarnes mit seinen Leuten los. Mit Einbruch der Nacht brachen sie aus dem Lager auf. Dieser Fußpfad wurde einst von Maliern, die dort wohnen, entdeckt, die ihn später den Thessaliern gezeigt hatten, als diese im Krieg mit den Phokern lagen und die Phoker den Engpaß mit einer Mauer abgesperrt hatten, um sich dadurch gegen den Angriff zu schützen. Seit so früher Zeit hatten die Malier keinen Nutzen mehr davon gehabt.
Der Fußpfad ist folgendermaßen beschaffen. Er beginnt beim Fluß Asopos, der durch die Schlucht des Berges herabströmt. Dieser Berg hat den gleichen Namen wie der Fußpfad, nämlich Anopaia. Dieser Anopaia zieht sich auf dem Kamm des Gebirges entlang und endet bei Alpenos, der ersten lokrischen Stadt, wenn man von Malis kommt, und bei dem sogenannten Melampygosstein und den Sitzen der Kerkopen an der engsten Stelle des Passes.
Auf diesem Pfad zogen die Perser, nachdem sie den Asopos durchschritten hatten, die ganze Nacht hindurch zwischen den oitaiischen Bergen zur Rechten und den trachinischen zur Linken. Als der Morgen dämmerte, waren sie auf der Höhe des Gebirges angelangt. Hier standen, wie ich schon zuvor gesagt habe, tausend schwergerüstete Phoker auf Wache, um ihr Land zu schützen und den Fußpfad zu sichern. Denn unten war die Straße von denen bewacht, die ich oben aufgezählt habe, aber die Sicherung des Gebirgsweges hatten die Phoker übernommen, die sich dafür aus freien Stücken dem Leonidas erboten.
Diese nahmen die Feinde erst wahr, als sie schon oben waren, weil der Berg, mit einem dichten Eichenwald bedeckt, die Perser verbarg. Da es aber windstill war, verursachten sie in dem tiefen Laub am Boden ein starkes Geräusch. Da sprangen die Phoker auf und beeilten sich, ihre Rüstung anzulegen, doch in diesem Augenblick waren auch schon die Feinde da. Sie stutzten bei dem Anblick der sich rüstenden Männer; denn sie hatten gehofft, es würde ihnen kein Widerstand begegnen, und stießen nun doch auf einen Heerhaufen. Da fragte Hydarnes, der schon fürchtete, es würden Lakedaimonier sein, den Epialtes, zu welchem Volk der Haufen gehöre, und wie er ihren wahren Namen erfuhr, ordnete er seine Perser zum Kampf. Als die Phoker aber von einem Regen von Pfeilen überschüttet wurden, flohen sie vor ihnen auf den Gipfel des Berges, denn sie glaubten, die Perser seien in erster Linie gegen sie ausgezogen, und machten sich schon auf den Tod gefasst. Aber die Perser unter Epialtes und Hydarnes kümmerten sich nicht weiter um sie, sondern stiegen in Eile den Berg hinab.
Nun hatte den Hellenen bei Thermopylai zuerst der Seher Megistias aus den Opferzeichen vorausgesagt, dass sie am nächsten Morgen den Tod finden würden, und später hatten auch Überläufer die Nachricht gebracht, dass die Perser den Weg um das Gebirge herum genommen hätten. Diese beiden meldeten es noch in der Nacht, danach auch die Späher, die von den Höhen herabliefen, als schon der Tag anbrach. Nun hielten die Hellenen Rat, aber ihre Meinungen waren geteilt. Die einen verlangten, man solle den angewiesenen Ort nicht verlassen, die anderen stritten dagegen. Daraufhin trennten sie sich, ein Teil zog ab und ging auseinander, ein jeder in seine Stadt, die anderen aber waren bereit, mit Leonidas auszuharren.
Man erzählt, Leonidas selber hätte sie fortgeschickt aus Sorge um ihre Erhaltung; für ihn selber aber und seine Spartiaten habe es sich jedoch nicht geziemt, den Ort zu verlassen, zu dessen Bewachung sie nun einmal ausgezogen seien, und dieser Meinung bin auch ich, dass Leonidas ihnen den Befehl gegeben hatte, sich zu entfernen, als er sah, wie lustlos sie waren und unwillig, bei ihm auszuhalten, dass er es aber nicht für anständig gehalten habe, abzuziehen. Dadurch jedoch, dass er aushielt, kam sein Name zu großem Ruhm, und Spartas Herrlichkeit wurde nicht getrübt. Die Spartiaten nämlich hatten gleich anfangs, als der Krieg erst im Entstehen war, den Gott darum befragt und waren von der Pythia beschieden worden, entweder würde Sparta durch die Barbaren zerstört werden, oder ihr König würde zu Tode kommen. Diesen Spruch gab sie in folgenden Hexametern:
Euch aber, Spartas Bewohner, der räumigen, wird von des Perseus
Söhnen entweder zerstöret die große, die herrliche Heimat,
Oder es fügt sich ein andres: es klagt der Hort Lakedaimons
Einen Gefallenen König aus Herakles rühmlichen Stamme,
Denn ihm wird nicht des Stieres Gewalt noch die Stärke des Leuen
Hemmen den Lauf; er ist mächtig wie Zeus, und eher fürwahr nicht
Lässet er ab,er vertilgt zuvor den einen von beiden.
Weil also Leonidas´an diesen Spruch dachte, und weil er den Spartiaten allein den Ruhm zuwenden wollte, darum, glaube ich, hat er die Bundesgenossen weggeschickt, nicht aber, weil sie uneins geworden seien und der eine Teil so ohne jede Ordnung davongelaufen sei.
Das beweist mir auch besondern der nicht gering zu schätzende Umstand, dass Leonidas jenen Seher Megistias, dessen Geschlecht von Melampus abstammen soll, nachdem er aus den Opferzeichen ihr nahes Verderben vorausgesagt hatte, aufforderte, sich zu entfernen, damit er nicht zusammen mit ihnen umkäme. Jener verließ sie zwar trotz des Befehles nicht, aber seinen einzigen Sohn, der mit im Heere war, sandte er fort.
So zogen also die Bundesgenossen, so viele ihrer entlassen wurden, fort und befolgten den Willen des Leonidas; nur die Thespiaier und Thebaner blieben bei den Lakedaimoniern zurück, die Thebaner gegen ihren Wunsch und Willen, weil Leonidas sie als Geiseln zurückhielt, die Thespiaier aber ganz aus eigenem Willen; denn sie sagten, de sie wollten Leonidas und die Seinigen nicht verlassen. Sie blieben und fielen sie mit den Spartiaten. Ihr Anführer war Demophilos, Diadromas’ Sohn.
Als die Sonne aufging, brachte Xerxes ein Spendopfer dar; wartete dann noch eine Zeit, bis etwa zur Stunde, wenn der Markt voll ist, und ließ dann angreifen; denn so war es von Epialtes angegeben, weil der Weg vom Gebirge herab um vieles gerader und kürzer ist als der Weg um das Gebirge herum und an ihm hinauf. Als nun die Barbaren unter Xerxes heranrückten, fielen auch die Hellenen unter Leonidas in der Gewissheit des sicheren Todes viel weiter als anfänglich an die breitere Stelle des Engpasses gegen sie heraus. Denn an den Tagen vorher, solange nur die Schutzmauer verteidigt wurde, wichen sie an die engeren Stellen zurück und fochten dort. Hetz aber, als sie jenseits der Enge aufeinandertrafen, fiel eine Menge Barbaren. Denn hinter den Haufen standen die Führer mit Geiseln in den Händen; damit schlugen sie auf die Soldaten ein und trieben sie immer wieder vorwärts. Da stürzten viele hinab ins Meer und ertranken, noch viel mehr aber wurde lebendig von den anderen zertreten. Aber wer fiel, der fiel, niemand achtete auf ihn. Weil die Lakedaimonier wusste, dass sie doch durch die, die um den Berg her in ihren Rücken fielen, sterben mussten, schlugen sie auf die Barbaren los wie Rasende und in Todesverachtung.
Schon waren den meisten die Speere zerbrochen; da stießen sie die Perser mit Schwertern nieder. In diesem Gedränge fiel Leonidas, nachdem er wie ein Held gekämpft hatte, und mit ihm andere namhafte Spartiaten. Ich kenne die Namen dieser braven Männer, doch nicht nur von diesen, sondern von allen dreihundert. Auch von den Persern fiel eine große Zahl angesehener Männer, unter ihnen zwei Söhne des Dareios, Abrokomes und Hyperanthes, die ihm Artanes’ Tochter Phratagune geboren hatte. Dieser Artanes war ein Bruder des Dareios, ein Sohn des Hystaspes und Enkel des Arsames, und hatte dem Dareios mit seiner Tochter zugleich auch sein ganzes Haus und Gut gegeben, denn sie war sein einziges Kind.
So fielen also dort zwei Brüder des Xerxes im Kampf. Auch um den Leichnam des Leonidas entstand ein hartes Gedränge von Persern und Lakedaimoniern, viermal schlugen die Hellenen die Feinde zurück und rissen durch ihre Tapferkeit den Toten heraus. Und so währte der Kampf, bis die Perser mit Epialtes herzukamen. Erst als die Hellenen von deren Ankunft erfuhren, begann der Kampf sich zu wenden. Sie wichen in die Enge des Weges hinter die Mauer zurück und setzten sich auf einem Hügel fest. Nur die Thebaner hielten sich fern. Der Hügel liegt an der Stelle, wo jetzt der steinerne Löwe zu Ehren des Leonidas steht. Hier verteidigten sie sich mit Schwertern, wenn einer noch eines hatte, oder mit Händen und Zähnen, bis die Barbaren, die teils von vorn her ihnen nachgedrängt waren und die Schutzmauer niederrissen, teils ihnen in den Rücken gefallen waren und sie auf allen Seiten umstellten, sie unter ihren Geschossen begruben.
So rühmlich sich also die Lakedaimonier und die Thespiaier gehalten haben, so soll gleichwohl der tapferste unter ihnen der Spartiate Diënekes gewesen sein. Von ihm wird auch ein Wort berichtet, das er noch vor dem Kampf mit den Modern gesprochen hatte. Ein Trachiner nämlich erzählte ihm, wenn die Barbaren ihre Bogen abschössen, so verdunkelten die Sone durch die Menge ihrer Pfeile, so groß sei ihre Zahl. Er aber, dadurch nicht erschreckt und unbekümmert um die große Zahl der Meder erwiderte, das sei ja eine recht schöne Nachricht für sie, denn wenn die Meder die Sonne verdunkelten, so würden sie im Schatten ihnen fechten und nicht im Sonnenlicht.
Dieser Ausspruch und noch andere der Art werden von Diënekes erzählt, die sein Andenken unter den Menschen erhalten. Nach ihm werden als die tapfersten genannt zwei Brüder aus Lakedaimon, Alpheos und Maron, die Söhne des Orsiphantos. Von den Thespiaiern gewann den größten Ruhm ein Mann namens Dithyrambos, Harmatides’ Sohn.
Als man sie nachher an der Stelle, wo sie gefallen waren, bestattete, wurde ihnen und zugleich auch denen, die schon vorher gefallen waren, noch ehe Leonidas die anderen Bundesgenossen nach Hause entlassen hatte, auf das Grabmahl eine Inschrift gesetzt, die folgendermaßen lautete:
Allhier haben im Kampfe mit dreihunderttausend gestanden
Einst vier Tausende nur peloponnesischen Volks.
Dies ist eine gemeinsame Inschrift für alle. Die Spartiaten aber haben noch ihre besondere:
Wanderer, kommst du nach Sparta, du habest
Uns hier legen gesehen, wie das Gesetz es befahl. [Übersetzung laut Schiller]
Der Seher aber hat folgende Inschrift:
Siehe Megistias’ Mal, des gepriesenen, welchen die Meder
Am Spercheiosfluß vormals erschlugen im Kampf,
Deutlich erkannte der Seher des nahenden Todes Verhängnis.
Aber mit Spartas Fürst erlitt er getreulich den Tod.
Diese Inschriften und Tafeln sind von den Amphiktyonen zu ihren Ehren gesetzt worden, außer der Inschrift für den Seher, die Simonides, Leoprepes’ Sohn, ihm gewidmet hat, weil er sein Gastfreund war.
Von zwei der Dreihundert, Eurytos und Aristodemos erzählt man, sie hätten sich, wenn nur beide gemeinsamen Sinnes gewesen wären, entweder zusammen nach Sparta retten können – denn wegen einer schweren Augenkrankheit waren sie von Leonidas aus dem Heer entlassen und lagen in Alpenos darnieder-, oder aber, wenn sie nicht zurückkehren wollten, gemeinsam mit den übrigen sterben. Zwischen diesen beiden Wegen hatten sie die Wahl. Doch sie wollten sich nicht einigen, sondern gingen ein jeder seinen Weg. Als Eurytos vernahm, dass die Perser den Berg umgangen hätten, forderte er seine Waffen, legte sie an und ließ sich von seinem Heloten unter die Kämpfenden führen; dort entfloh der Knecht, er selbst aber stürzte sich in das Gedränge und fand seinen Tod. Aristodemos aber verzagte und blieb zurück. Wäre nun Aristodemos als einziger krank gewesen und nach Sparta zurückgekehrt, oder hätten beide zusammen sich nach Sparta zurückbegeben, hätten die Spartiaten, so meine ich, keinerlei Zorn auf sie geworfen. Nun war aber der eine gefallen, der andere, der aber nur den selben Grund vorweisen konnte, hatte nicht sterben wollen; so mussten die Spartiaten zwangsläufig gegen Aristodemos in heftigen Zorn geraten.
Auf diese Weise und unter solchem Vorwand rettete sich, wie die einen erzählen, Aristodemos nach Sparta. Andere aber sagen, er sei als Bote aus dem Heerlager ausgeschickt worden und hätte, wenn er nur gewollt, noch rechtzeitig zur Schlacht zurück sein können; er habe aber unterwegs noch gewartet und sein Leben gerettet, wohingegen sein Mitbote die Schlacht noch erreichte und den Tod fand.
Als Aristodemos nach Sparta heimkam, fiel er in Schimpf und Unehre. Die Unehre sah so aus, dass keiner in Sparta ihm von seinem Feuer gab, keiner mit ihm redete, der Schimpf aber, dass er Aristodemos der Verzagte genannt wurde.
In der Schlacht bei Plataiai hat er jedoch alle seine Schuld wieder ausgetilgt. Es wird auch noch von einem anderen der Dreihundert erzählt, der als Bote nach Thessalien gesandt worden sei und so sein Leben erhalten habe; Panites hieß der Mann. Als dieser nach Sparta heimkehrte und in Unehre fiel, soll er sich erhängt haben.
Die Thebaner unter Leontiades kämpften anfänglich, weil sie dazu gezwungen waren, auf seiten der Hellenen gegen das Heer des Königs. Als sie aber erkannten, dass der Sieg sich zu den Persern neigte und die Hellenen unter Leonidas sich auf den Hügel warfen, trennten sie sich von ihnen, gingen mit ausgestreckten Händen auf die Feinde zu und sagten, was auch ganz der Wahrheit entsprach, dass sie in ihrem Herzen zu den Medern hielten gleich unter den ersten dem König Erde und Wasser gegeben hätten, dass man sie aber gezwungen hätte, mit nach Thermopylai zu ziehen, und dass sie unschuldig seien an dem Verlust, den der König erlitten habe. Damit retteten sie sich das Leben, zumal auch die Thessaler die Wahrheit ihrer Rede bezeugen konnten. Dennoch kamen sie nicht ganz ungeschoren davon. Denn als sie herankamen und sich gefangen gaben, wurden einige von ihnen gleich auf der Stelle von den Feinden getötet, den meisten aber wurden auf Xerxes’ Befehl die königlichen Zeichen eingebrannt, von allen zuerst ihrem Obersten Leontiades, dessen Sohn Eurymachos nach dieser Zeit von den Plataiern hingerichtet wurde, als er mit vierhundert Thebanern ausgezogen war und die Stadt der Plataier besetzt hatte.
Das war der Kampf der Hellenen bei Thermopylai, Xerxes aber rief den Demaratos, um ihn zu befragen, und begann folgendermaßen mit ihm zu reden: „Demaratos, du bist ein braver Mann. Das erkenne ich aus deiner Wahrhaftigkeit. Denn was du gesagt hast, hat sich alles erfüllt. Nun sage mir: Wie groß ist die Zahl der noch übrigen Lakedaimonier, und wie viele davon sind ebenso tapfere Krieger, oder sind alle so tapfer?“ Demaratos erwiderte: „O König! groß ist die Zahl aller Lakedaimonier und zahlreich sind ihre Städte. Was du aber zu wissen verlangst, das sollst du erfahren. Es ist in Lakedaimon eine Stadt, die heißt Sparta und hat etwa achttausend Männer; die sind alle so tapfer wie die, die hier gekämpft haben. Die übrigen Lakedaimonier sind diesen zwar nicht gleich, aber tapfer sind sie auch.“ Darauf fragte Xerxes; „Sage an, Demaratos, welches ist der leichteste Weg, diese Männer zu bezwingen? Gib mir deinen Rat. Du bist ja ihr König gewesen und kennst gewiß alle Mittel und Wege.“
Demaratos antwortete: „O König, wenn du allen Ernstes meinen Rat verlangst, so geziemt es mir, dir den besten Weg zu weisen. So rate ich, laß von der Flotte dreihundert Schiffe nach den lakonischen Landen fahren. Nahe davon liegt eine Insel, die Kythera heißt. Von dieser Insel hat einst Chilon, ein sehr kluger Mann bei uns, gesagt, es sei für die Spartiaten viel besser, sie läge unter das Meer versenkt, als dass sie daraus hervorrage; denn immer besorgte er von ihr etwas in der Art, wie es dir jetzt vorschlage. Nicht, dass er deinen Heereszug vorausgewusst hätte, sondern seine Furcht betraf jeden feindlichen Angriff. Von dieser Insel aus sollten deine Truppen die Lakedaimonier in Schrecken setzen. Sobald sie aber erst selber den Krieg im eigenen Lande haben, brauchst du nicht mehr zu fürchten, dass sie dem übrigen Land der Hellenen zu Hilfe kommen, wenn dein Fußvolk sie erobert. Sind diese unterworfen, so ist das lakonische Volk, das dann allein noch übrig bleibt, nur noch schwach. Tust du dies aber nicht, so hast du folgendes zu erwarten: Auf der Peloponnes liegt eine schmale Landenge; da wirst du mit allen Peloponnesiern, die gegen dich einen Eidbund geschlossen haben, neue Kämpfe zu bestehen haben, härtere als bisher. Tust du aber das andere, dann werden diese Landenge sowie die Städte ohne Kampf in deine Hand fallen.“
Nach ihm sprach Achaimenes, des Xerxes Bruder und Führer der Flotte, der die Rede mit ihm angehört hatte und in Sorge geriet, der König möchte sich dazu bewegen lassen. „O König“, sagte er, „ich sehe, dass du dein Ohr einem Manne leihst, der dir dein Glück neidet oder gar ein Verräter ist. Denn gerade daran haben die Hellenen ihre Freude, wenn sie so handeln können. Sie neiden das Glück und verfolgen die Mächtigeren mit Haß. Wenn du zu dem Missgeschick, das uns betroffen hat, als wir vierhundert Schiffe durch Schiffbruch verloren, noch andere dreihundert von der Flotte entfernen willst, damit sie die Peloponnes umfahren, so können die Feinde dich im Kampf bestehen. Bleibt aber die Flotte beisammen, so ist sie unangreifbar, und sie können den Kampf schon gar nicht wagen; dann werden die Flotte und das Heer zusammen vorgehen, und die ganze Flotte wird dem Heer eine Hilfe sein und das Heer der Flotte. Zerstreust du sie aber, so kannst du nicht Flotte und die Flotte dir nicht nützen. Ich meine deshalb, du solltest deine eigenen Dinge in Ordnung halten und dich nicht darum kümmern, wie es bei den Feinden steht, wie sie den Krieg zu führen gedenken, was sie tun werden und wie groß ihre Zahl ist. Jene werden verstehen, für sich selbst zu sorgen und wir desgleichen für uns. Stellen sich die Lakedaimonier uns Persern zur Schlacht entgegen, so werden sie die Schlappe, die sie jetzt erlitten haben, gewiß nicht wiedergutmachen.
Darauf erwiderte Xerxes: „Du hast wohl Recht, Achimenes, und dann will ich auch tun. Demaratos rät mir zwar, was er für das Beste hält, aber er erkennt die Sache nicht so richtig wie du. Denn das werde ich gewiß nicht glauben, dass er es nicht gut mit mir meint. Dafür sind mir seine früheren Reden ein Beweis und auch die Ereignisse selber. Man beneidet wohl seinen Mitbürger um sein Glück und ist ihm im stillen feindlich gesinnt; denn nicht leicht wird ein Bürger seinem Nachbarn, der ihm um seine Meinung fragt, aufrichtig zum Besten raten, es müsste denn ein Mann von hoher Tugend, und dergleichen gibt es nicht viele. Aber seinem Gastfreund gönnt jedermann von Herzen sein Glück und gibt ihm seinen besten Rat, sooft er dessen begehrt. Darum will ich von solcher Schmähung gegen Demaratos, der mein Gastfreund ist, fortan nichts mehr hören.“
Nach diesen Worten schritt Xerxes durch die Reihen der Gefallenen, und als er von Leonidas hörte, dass er der König und Führer der Lakedaimonier gewesen sei, ließ er ihm den Kopf abschneiden und an den Pfahl schlagen. Aus vielen Umständen, und zumal auch aus diesem, ist es mir deutlich geworden, dass König Xerxes keinen Menschen auf der Welt so gehasst hat wie Leonidas, solange er lebte, sonst hätte er dem Leichnam keine solche Schmach zugefügt. Kenne ich doch kein Volk, das tapfere Krieger so hoch in Ehren hält wie die Perser. Aber des Königs Befehl wurde von seinen Beauftragten ausgeführt.
Nun will ich aber wieder auf jenen Teil meiner Erzählung zurückkommen, wo ich sie abgebrochen habe. Die Lakedaimonier waren also die ersten, die von dem Heerzug des Königs gegen Hellas Kunde erhalten und deshalb nach Delphi an das Orakel gesandt hatten, wo sie den Spruch erhielten, den ich kurz zuvor, wiedergegeben habe. Jene Kunde aber war ihnen auf wundersame Weise zugetragen worden. Demaratos war nämlich nach meiner Meinung – und für diese spricht auch die Wahrscheinlichkeit – nach seiner Flucht zu den Persern den Lakedaimoniern nicht freundlich gesinnt; man mag jedoch entscheiden, ob es Wohlwollen war oder Schadenfreude, dass er tat, was ich erzählen will. Sobald Xerxes sich entschlossen hatte, die Hellenen mit Krieg zu überziehen, trachtete Demaratos, der in Susa war und es dort erfahren hatte, den Lakedaimoniern davon Kunde zu geben. Weil er nun keinen anderen Weg hatte, um es ihnen mitzuteilen, und sich vor Entdeckung hüten musste, erfand er eine List. Er nahm ein zweiseitiges Schreibtäfelchen, kratzte das Wachs heraus, schrieb auf das Holz des Täfelchens die Absicht des Königs auf und goß dann wieder Wachs über die Schrift, damit so das Täfelchen, wenn es einer unbeschrieben mit sich trug, bei den Wächtern der Straßen keinen Anstoß errege. Es gelangte dann nach Lakedaimon, aber die Lakedaimonier wussten sich die Sache nicht zu deuten, bis endlich, wie mir erzählt wurde, Gorgo, Kleomenes’ Tochter, die Gattin des Leonidas, es traf und ihnen den Rat gab, sie sollten das Wachs herauskratzen, dann würden sie eine Schrift auf dem Holz finden. Sie taten so, fanden die Schrift, lasen sie und ließen es danach auch die anderen Hellenen wissen. So soll also die Kunde zu ihnen gedrungen sein.“
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Von Gorgo, der Gattin des Leonidas, ist übrigens eine weitere Anekdote bekannt: Als ihr Vater Kleomenes, König aus dem Haus Agiaden, von dem Milesier Aristogoras zu einer Expeditionsbeteiligung ins innere Asien überredet werden sollte, war die junge Gorgo mit anwesend. Der Besucher bat den König um Anhörung „das Kind aber, das neben ihm stand, nämlich seine einzige Tochter Gorgo von acht bis neun Jahren, solle er zuvor hinausschicken. Jener aber erwiderte, er solle seine Sache nur vorbringen und sich durch das Kind nicht abhalten lassen. Nun fing Aristagoras an, ihm Geld zu bieten, wenn er ihm seine Bitte gewähren wolle, zuerst zehn Talente, und da Kleomenes es abschlug, bot er mehr und mehr, bis zu fünfzig Talenten. Da rief das Kind: „Vater, geh fort, sonst wird dich der Fremde noch bestechen!“ Und Kleomenes, froh über die Meinung des Kindes, ging hinaus in ein anderes Gemach, Aristogoras aber musste aus dem Lande weichen. [Herodot, V, 51]
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Ein Hintergrunddetail wird in den Biographien und Charakterisierungen des Leonidas meist übersehen: sein Vater, König Anaxandrides, hat nämlich Leonidas’ Mutter ganz besonders geliebt, wie eine vorherige Anekdote Herodots hervorhebt [V, 39-41]:
„Anaxandrides nämlich hatte seiner Schwester Tochter zur Frau und liebte sie von Herzen, aber sie gebar ihm keine Kinder. Und weil er kinderlos blieb, beriefen ihn die Ephoren vor sich und redeten mit ihm und sagten: „Wenn du selber nicht für deine Nachkommenschaft sorgen kannst, so dürfen wir es noch nicht ruhig mitansehen, dass das Haus des Eurysthenes mit dir ausstirbt. Darum sollst du dich von diesem Weibe, das dir keine Kinde gebärt, trennen und eine andere nehmen, und wenn du dies tust, werden es dir die Spartiaten danken.“ Er aber antwortete ihnen, dass er weder das eine noch das andere tun würde; auch wäre es ein übler Rat, dass sie ihm zumuteten, seine Frau, die sich in keiner Weise gegen ihn vergangen habe, zu verstoßen und eine andere zu freien. Darin wolle er ihnen nicht gehorchen.
Darauf hielten die Ephoren mit den Ältesten einen Rat und machten Anaxandrides folgenden Vorschlag. „Wir sehen“, sagten sie, „dass du von deinem Weibe nicht lassen willst. So tue nun, was wir dir vorschlagen wollen, und weigere dich nicht, diesen Rat zu befolgen, sonst könnten die Spartiaten Hartes über dich beschließen. Wir verlangen nicht, dass du dich von deiner Gattin trennst, gewähre ihr auch weiterhin Rechte wie bisher, aber nimm zu ihr noch eine andere, welche dir Kinder gebären kann.“ Dies ließ sich Anaxandrides gefallen und hatte fortan zwei Frauen und zwei Hauswesen, was sonst in Sparta nicht üblich ist.
Es dauerte nicht lange, da gebar ihm die Frau, die er später hinzugenommen hatte, einen Sohn, eben jenen Kleomenes. Und es traf sich, nachdem diese den Spartiaten einen Erben des Königtums geboren hatte, dass auch die erste Frau, die so lange unfruchtbar gewesen war, schwanger wurde, als es schon zu spät war. Und obgleich sie wirklich schwanger war, erhoben die Verwandten der zweiten Frau, als sie davon hörten, ein heftiges Geschrei gegen sie und sagten, es wäre nur eitles Geprahle und sie wollte wohl ein fremdes Kind unterschieben. Nun wurden auch die Ephoren misstrauisch, und als die Zeit herankam, setzten sie sich um die Frau, während sie gebar, und bewachten sie. Sie aber gebahr den Dorieus und wurde ein zweites Mal schwanger und gebar den Leonidas, und nach diesem den Kleombrotos. Andere sagen, Kleombrotos und Leonidas seien Zwillinge gewesen. Die andere Frau aber, Prinetades’ Tochter und Enkelin des Demarmenos, die Kleomenes geboren hatte, gebar nicht wieder.“
Schönes Wochenende!
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