Weihnacht 2020 - eine Festrede?

Gernot ⌂, Donnerstag, 24.12.2020, 20:27 (vor 1849 Tagen) @ DT2953 Views

Heute habe ich die verpackten Weihnachtsgeschenke für die Familie fotografiert. Mir kam nämlich plötzlich der Gedanke, es könnte ja unser letztes Weihnachtsfest sein. Denn, so verrückt es auch klingt, vielleicht wäre Weihnachten nächstes Jahr schon verboten.

Es hätte Weihnachten voriges Jahr auch verrückt geklungen, hätte jemand gesagt, Weihnachten 2020 könnte die Anzahl der Personen, die zusammen Weihnachten feiern dürfen, auf fünf oder einen Haushalt plus zwei Angehörigen anderer Haushalte oder so ähnlich beschränkt werden, man dürfe die Wohnung nur aus "triftigen Gründen" verlassen und die Läden, mit Ausnahme derjenigen der Konzerne, hätten geschlossen, Grund dafür wäre eine überdurchschnittlich ansteckende Grippekrankheit
(Corona ist eine Grippekrankheit, sozusagen die Schwester von Influenza)
mit Todeszahlen einer mittleren Grippeepidemie wie etwa 2018 und Gefährdung insbesondere solcher Menschen, deren Gesundheit bereits stark, meist lebensbedrohlich, angegriffen und mit deren baldigem Ableben zu rechnen ist.
Die Äußerung eines solchen Gedanken hätte nur Kopfschütteln ausgelöst, so wie dieses Jahr die des Gedanken, Weihnachten 2021 könnte verboten werden.

Begründungen ließen sich dafür aber gewiss finden - oder besser: konstruieren.
Die epidemische Lage könnte sich verschlimmert haben, sodass vollständige Einschränkungen des Lebens und Zusammenlebens geboten erscheinen.
Das Weihnachtsfest könnte die Integration von Mohammedanern erschweren.
Weihnachten schade aufgrund des "Konsumrausches" dem Weltklima und befördere die
Erderwärmung. Es würden ja auch so viele Kerzen angezündet werden, von der "Feiertagsspitze", dem hohen Energieverbrauch mittags am 1. Feiertag, ganz zu schweigen.
Obendrein sei das Fest ja sowieso eigentlich heidnisch, und das Datum sei auch falsch, es müsste, wenn überhaupt, am 20. oder 21. gefeiert werden, und andere christliche Kirchen feierten es schließlich zu ganz anderen Tagen.
Des Hungers und Elends in der Dritten Welt wegen wäre es unsererseits unangemessen, zu feiern, und angesichts der vielen Toten durch Corona erst recht.
Wer die sich aufdrängenden Gegenargumente nicht ignoriere, befände sich in gefährlicher Nähe oder sei selbst ...

Wir erlebten das schlimmste Weihnachten, das es je gab, las ich vor ein paar Tagen in einem Forum. Bei solchen Superlativen muss ich immer an unsere Ahnen denken, die Weihnachten teilweise in Schützenlöchern, in Angst und Schrecken im Dunkeln unzulänglicher Luftschutzkeller, mit zerrissenen Gliedern in Lazaretten oder hungernd und frierend in Gefangenenlagern erleben mussten, oft mit einer Zukunft von manchmal über zehn weiteren Weihnachtsabenden in Gefangenschaft und enttäuschter Hoffnung auf Rückkehr zu ihren Lieben in ihrer Heimat zuvor.

In einem anderen Beitrag beschwerte sich jemand über die empathielosen Idioten, die nach dieser traurigen Weihnacht angesichts all der um ihr Leben Ringenden, Sterbenden und der hunderttausenden bereist Verstorbenen in ignoranter Fröhlichkeit glauben, blödsinnig vor sich hinböllern zu müssen - Adjektive zitiert.
Mit den "vielen bereits Verstorbenen" hatte der Schreiber recht: Seit Bestehen der Menschheit als Gattung oder Art (den Unterschied kann ich gerne erklären) sind Milliarden von Menschen verstorben, und nächstes Jahr werden es noch mehr sein.
Ich hätte mich in diesem Forum extra anmelden müssen, um dem Schreiber antworten zu können:
"Wir aber leben noch."

1945 war das Land besetzt. Die Menschen waren vom verlorenen Krieg und den Feinden gedemütigt und doch des Friedens froh. Ein Apfel, ein Scheit Brennholz, eine Kartoffel oder ein Brikett waren Geschenke, eine Scheibe Brot mehr als an den Tagen zuvor ein Festessen; die Zukunft war ungewiss, Aussicht auf Besserung bestand nicht, fast jede Familie hatte Kriegstote zu beklagen oder vermisste Angehörige, oftmals nicht wissend, ob sie gefallen oder gefangen waren. Vielerorts herrschten Ausgangssperren, die meisten Läden waren geschlossen, man benötigte einen Passierschein, um von einem Ort Deutschlands an einen anderen zu gelangen, und einen triftigen Grund oder Bescheinigungen der Besatzungsmacht oder des Arbeitgebers, um das Haus zu verlassen. Kontrollen gab es allenthalben, viele Dinge nur auf dem Schwarzmarkt oder als "Bücktischwaren" gegen Devisen, Wertsachen oder hundertfach verteuert gegen Reichsmark zu erwerben. Den Begriff "Lockdown" gab es
nicht; selbst die Sieger wussten sich in der Sprache unseres Volkes auszudrücken.
Auf die Idee allerdings, das Silvesterfeuerwerk zu verbieten, ist niemand gekommen.

(Zeitgenössischen Schilderungen entnahm ich, dass es kaum etwas gab, die Leute behalfen sich mit Karbid, dem abgekratzten Salz von den Wänden ihrer Ställe oder Fundmunition. Geknallt wurde, wie auch mitten im Krieg, sogar an der Front mit Leuchtraketen um Mitternacht, und in Siedlungen in Frontnähe mit Böllern, was gelegentlich zu der Befürchtung führte, der Feind sei unerwartet durchgebrochen.)


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