Dann ist die Sache klar

helmut-1, Siebenbürgen, Montag, 21.12.2020, 20:16 (vor 1854 Tagen) @ Garderegiment1910 Views

Danke für die Ergänzung. Ich hab das erst einmal auf das Bundesland bezogen, - so kann man sich irren. Aber aus meiner Sturm- und Drangzeit (heute bin ich etwas ruhiger geworden, aber nur etwas) ist mir auch der Norden geläufig. Nicht nur touristisch, auch beruflich. Sind doch in diesem Raum die meisten Baumschulen angesiedelt, - traditionell mir bekannte in Elmshorn, und es gibt einige hundert im Kreis Pinneberg.

Tja, die Steineklopfer laufen in unserem Metier Gefahr, sich zunehmend zum Betongärtner zu entwickeln und dabei die pflanzlichen Aspekte hinten anzustellen, was eigentlich schade wäre. Seit langem vertrete ich die Meinung, dass eigentlich die veranschlagte Lehrzeit für unseren Beruf mit drei Jahren zu kurz sei. Nimm mal einen Dreher oder Fräser (heißt heute Zerspanungsmechaniker), der drei Jahre lernen muss, dann ist das o.k. Aber unser Beruf, - insbesondere in der von mir aufgelisteten Vielfalt, enthält ja die Kenntnisse von mindestens 10 anderen Berufen. O.k., den Vorwurf meiner Kollegen damals im Prüfungsausschuss, dass ich eigentlich zu viel von den Prüflingen erwarten würde, - den musste ich mir gefallen lassen.

Ich weiß nicht, wie es in Deutschland ist, aber in Österreich muss man als Förster 5 Jahre lernen, und nach dem Abschluss noch einmal 2 Jahre Praxis dranhängen. Nur so mal als Gegenüberstellung. Aber bei manchen existiert noch die antiquierte Vorstellung vom alten hierarchischen System, das da lautet: Na ja, er ist halt ein bisserl schwach auf der Brust, einen kleinen Dachschaden hat er auch, lassen wir ihn halt Gärtner lernen...

Als ich meine ersten Gehversuche als frisch gebackener Facharbeiter absolviert habe, da war mir schon klar, wo noch überall Defizite im fachlichen Bereich existierten. Deshalb wechselte ich auch mehrmals die Arbeitsstelle, blieb kaum mehr als 6 - 12 Monate, aber machte mich in allen möglichen Fachrichtungen schlau. Auch Baumschulen, Gartencenter, Gemischtbetriebe, - überall habe ich meine Nase reingesteckt. Und das war gut so. Davon profitiere ich heute noch, und es kommt mir schon runter wie Öl, wenn da so mancher Weihenstephaner mir sagt, - sei so gut und stell mir die Pflanzenliste zusammen, ich habs nicht mehr so drauf mit der Pflanzenkenntnis.

Da der Apfel bekanntlich nicht weit vom Birnbaum fällt, ist es für mich auch eine gewisse Form der Bestätigung der Richtigkeit, wenn mein Jüngster, der ja in allen technischen Bereichen eingesetzt wird, - oftmals als Mädchen für alles, weil er sich überall auskennt, dann ohne mein Zutun erkennt, dass auch bei ihm Defizite vorhanden sind, die beseitigt werden müssen. Seit ein paar Monaten arbeitet er neben seinem Job als Gala-Bauer zusätzlich in einer Baumschule. Abends und am Samstag, manchmal auch am Sonntag. Pflanzenkenntnisse sind so notwendig wie der Bissen Brot in unserm Job, - und er hat das - von sich aus - erkannt.

Natürlich kann ich mich nach 54 Berufsjahren, die Lehrzeit mit eingeschlossen, auf einem satten Erfahrungspolster zurücklehnen. Aber das Schöne und für mich auch Faszinierende ist in unserem Job, dass man auch nach vielen Berufsjahren immer wieder feststellt, das man trotzdem immer wieder dazulernen kann. Das passiert oft im Detail, aber auch in prinzipiellen Bereichen. Wenn ich z.B. nun das Thema "Pflanzenkläranlagen" abgehakt habe, dann steht plötzlich ein neues Thema mit dem Namen "Schwimmteiche" auf der Matte.

Aber das bewirkt einen ganz pragmatischen Nebeneffekt. Man stellt sich der Herausforderung und lernt einfach, holt sich das Wissen aus allen möglichen Ecken und speichert das. Und solange der Mensch lernt, ist er aktiv und belastbar. Wenn der Mensch einmal nicht mehr bereit ist, zu lernen, dann ist er alt geworden. Aber trotzdem nicht weise.


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