OT | "Fängt nicht überall das Beste mit Krankheit an?" Novalis | Lesetipp Egon Friedell
bearbeitet von Oblomow, Donnerstag, 08.10.2020, 10:06
Egon Friedell lässt die Neuzeit mit der Pest beginnen. Irgendwie wollte ich diese gelesenen Passagen in seiner Kulturgeschichte der Neuzeit dem Gelben nicht vorenthalten. Damit verfolge ich nur die Agenda, dass es Freude macht, Friedell zu lesen. Neben dem Sterben, der Krankheit begann eben auch ein neues Leben, vor allem im Bewusstsein der Überlebenden. Mag nun diese jetzige Krönung des Menschen erfunden, passiert, geplant oder weiß der Kuckuck was sein, jedenfalls inkubiert das Virus wohl etwas und welche Art von Wiedergeburt stattfindet, das weiß nur ein Gott oder Teufel. Es wird bei dieser sog. Pandemie kein Davor mehr geben und die Wehen werden lange dauern. Der neue Renaissance-Mensch muss auch dem mittelalterlichen Menschen so vorgekommen sein wie mir der neue KI-Mensch vorkommt: als Choc! Mich graust es, was aber meiner lächerlich "mittelalterlichen" Seele zuzuschreiben ist. Das ist eben das Schicksal derer, die nicht mehr a, aber noch nicht b sind, sie stecken dazwischen. Es werden Generationen kommen, die die Zeit vor der Pest nicht mehr kennen oder nur insofern als das, was dadurch im Bewusstsein verändert wurde in sie eingegangen ist und eben Nährboden für Neues. Blub.
Nun also der Egon:
"b]Beginn des Exkurses über den Wert der Krankheit[/b]
Jede Krankheit ist eine Betriebsstörung im Organismus. Aber nur eine sehr äußerliche Betrachtungsweise wird den Begriff der Betriebsstörung ohne weiteres unter den der Schädigung subsumieren. Auch in der Geschichte des politischen und sozialen Lebens, der Kunst, der Wissenschaft, des Glaubens sehen wir ja, daß Erschütterungen des bisherigen Gleichgewichts durchaus nicht immer unter die verderblichen Erscheinungen gerechnet werden dürfen; vielmehr ist es klar, daß jede fruchtbare Neuerung, jede wohltätige Neubildung sich nur auf dem Wege eines »Umsturzes« zu vollziehen vermag, einer Disgregation der Teile und Verschiebung des bisherigen Kräfteparallelogramms. Ein solcher Zustand muß, vom konservativen Standpunkt betrachtet, stets als krankhaft erscheinen.
Die Ahnung, daß das Phänomen der Krankheit mit dem Geheimnis des Werdens eng verknüpft sei, war in der Menschheit zu allen Zeiten weit verbreitet. Der Volksinstinkt hat auf den Kranken, zumal auf den Geisteskranken, immer mit einer gewissen Scheu geblickt, die aus Furcht und Ehrfurcht gemischt war. Die Römer nannten die Epilepsie morbus sacer, morbus divinus; die Pythia, der die Entscheidung der wichtigsten Fragen ganz Griechenlands und die Erkundung der Zukunft anvertraut war, müßte nach allem, was wir über sie wissen, in der heutigen Terminologie als hysterisches Medium bezeichnet werden. Die hohe Wertschätzung, die dem Leiden in so vielen Religionen eingeräumt wird, hat ihre Wurzel in der Überzeugung, daß es die Lebensfunktionen nicht etwa herabsetzt, sondern steigert und zu einem Wissen führt, das dem Gesunden verschlossen bleibt. Die Askese ist sowohl in ihrer orientalischen wie in ihrer abendländischen Form ein Versuch, durch alle erdenklichen »schwächenden« Mittel: Unterernährung, Schlafentziehung, Flagellation, Einsamkeit, sexuelle Abstinenz den Organismus künstlich morbid zu machen und dadurch in einen höheren Zustand zu transponieren. In der Legendenschilderung sind fast alle heiligen oder sonst von Gott ausgezeichneten Menschen mit körperlichen »Minderwertigkeiten« behaftet. Es ist nur die Kehrseite dieser Auffassung, daß frühere Jahrhunderte in den Hysterikerinnen Hexen erblickten, Erwählte des großen Widersachers Gottes, dem der damalige Glaube eine fast ebenso große Macht zuschrieb wie dem Schöpfer. Kurz: überall begegnen wir der mehr oder minder deutlichen Empfindung, daß der Kranke sich in einer gesegneteren, erleuchteteren, lebensträchtigeren Verfassung befinde, daß er eine höhere Lebensform darstelle als der Gesunde."
Aus Egon Friedell: Kulturgeschichte der Neuzeit https://www.projekt-gutenberg.org/friedell/kulturg1/chap02.html
Herzlich
Oblomow