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Ein Blick auf die andere Hälfte der Erdkugel nach Argentinien, Australien oder Südafrika bestätigt diese These. Denn dort ist der Winter zu Ende und eine Grippewelle sollte gerade auslaufen. Es hat aber überhaupt keine gegeben.
Südhalbkugel hatte "grippefrei"
Wie die FluNet-Charts der WHO zeigen, begann sich in einigen Ländern im März zwar eine Grippewelle aufzubauen, flachte aber bereits Ende des Monats wieder ab. In anderen Staaten hat sich sogar so gut wie gar nichts getan. Die Folgen sind dramatisch. Am 17. August berichtete "News.com.au", seit Mai habe es in Australien keinen einzigen Influenza-Todesfall im Land gegeben.
Ähnlich sieht es in Neuseeland aus. "Es ist erstaunlich, es ist einfach nichts da. Keine Influenza", zitiert "The Guardian" Michael Baker, Professor für das Gesundheitswesen an der University of Otago in Wellington. Seine südafrikanische Kollegin Cheryl Cohen vom National Institute of Communicable Diseases (NICD) sagte "CBS News" vor wenigen Tagen, was passiert ist, sei völlig beispiellos. "Wir sahen, dass wir in diesem Jahr in Südafrika einfach keine Grippesaison hatten." Und auch die WHO kommt in ihrem Influenza-Update vom 14. September zu der Einschätzung: "In der südlichen Hemisphäre ist die Grippesaison nicht gestartet."
Wie viele Menschenleben die Corona-Maßnahmen über die Unterdrückung der Grippewelle gerettet haben, lässt sich an den durchschnittlichen Todeszahlen pro 100.000 Einwohner der vorangegangenen fünf Grippesaisons abschätzen. "The Economist" hat sie für einige Länder der Südhalbkugel zusammengestellt. In Argentinien waren es rund 16, in Chile 12 und in Südafrika sogar 25 Menschen pro 100.000. Neuseeland, Australien und Paraguay kamen mit Raten zwischen 0,5 und 6,5 Toten glimpflicher davon. Wahrscheinlich gilt aber auch in diesen Ländern wie in Deutschland, dass die tatsächlichen Zahlen deutlich höher sind.
Die Erfahrungen aus dem Frühjahr und die der vergangenen Monate in der südlichen Hemisphäre sprechen dafür, dass sich der Effekt auf der nördlichen Halbkugel jetzt wiederholt. "Sie werden eine Grippesaison haben", sagt Michael Baker, "aber ich erwarte, dass sie wesentlich weniger stark ausfällt".
Ganz vergleichbar mit März und April ist die aktuelle Situation in Deutschland allerdings nicht, vor allem sind die Maßnahmen nicht mehr so streng. Einen großen Unterschied könnten die geöffneten Schulen machen. Denn das RKI schrieb im April: "Da Kinder für die Verbreitung der jährlichen Grippe eine wesentliche Rolle spielen, sind hier insbesondere die Schulschließungen ab der zwölften Kalenderwoche 2020 zu nennen."
Es könnte auch anders kommen
Grippe-Impfung wird besonders wichtig
Virologe Christian Drosten versteht daher, dass es Überlegungen gibt, auch Kinder gegen die Grippe zu impfen. Es gehe auch hier wieder vor allem darum, die älteren Menschen zu schützen, sagte er am Wochenende im Podcast "Übergabe". Die Maßnahmen hätten zwar alle durch die Luft übertragenen Viren stark zurückgedrängt und auf der Südhalbkugel sei die Influenza im Prinzip ausgefallen. Doch ob die Grippewelle diesmal ausfällt, sei nicht gewiss. "Das ist natürlich eine Spekulation, die will keiner verantworten, wenn es am Ende doch nicht so kommt."
Falls die Grippewelle diesmal flachfällt, könnte dies auch von Nachteil für die kommenden Jahre sein. Denn weil sich quasi niemand ansteckt, entwickeln sich auch keine Immunitäten. Daher ist es theoretisch möglich, dass sich Influenza-Viren oder andere Krankheiten künftig schneller verbreiten, wenn es keine Corona-Maßnahmen mehr gibt. Dies sei nachvollziehbar, aber es gäbe dazu keine Daten, "weil so etwas eben noch nie passiert ist", sagt Drosten. "Vom Gefühl her würde ich sagen, ich erwarte keine sehr starken Effekte, aber wer weiß."
https://www.n-tv.de/wissen/Faellt-die-Grippewelle-diesmal-flach-article22064450.html