Wie kommt die Weisheit der Welt in unser Denken?

Falkenauge @, Freitag, 04.01.2019, 09:29 vor 2568 Tagen 4140 Views

"Das Glück deines Lebens hängt von
der Beschaffenheit deiner Gedanken ab."

Marc Aurel (121-180)

Den ganzen Tag gebrauchen wir unser Denken, denn es konstituiert wesentlich unser Bewusstsein. Doch kennen wir es eigentlich? Im gewöhnlichen Bewusstsein erleben wir unser Denken selbst gar nicht, sondern immer nur durch das Denken das, was gedacht wird. Wir sind den Inhalten des Denkens hingegeben, der Prozess des Denkens selbst bleibt dagegen unbemerkt im Hintergrund. Wie kommen die Inhalte der Welt in unser Denken herein, und wie können sie allen Menschen gemeinsam sein? Die Fragen sind nicht müßig. Ihnen nachzugehen, eröffnet ungeahnte Perspektiven der Welt- und Selbsterkenntnis.
Gedanken über Mensch und Welt

Die "ich-Illusion", die 5 Skandhas

mabraton @, Freitag, 04.01.2019, 15:41 vor 2568 Tagen @ Falkenauge 3964 Views

Hallo Falkenauge,

was macht uns aus?

Im Buddhismus beschreiben die so genannten Fünf Ansammlungen (Sanskrit: Skandhas) die ganze Vielfalt der Aspekte, die eine Person ausmachen. Das Erkennen dieser einzelnen Facetten arbeitet der starken inneren Gewohnheit entgegen, die Person (Anm.: und ihr Denken) auf ein immer gleich bleibendes Ich einzuschränken.

Eine wirkliche Einheit der Persönlichkeit, die uns auf ein bestimmtes Bild von uns selbst festlegt existiert nicht. Daraus entstehen weitere falsche Anschauungen und Störungen. Erkennt man, dass die Vorstellung einer solchen Einheit der Persönlichkeit nur eine gewohnheitsmäßige Vereinfachung ist, kann man diese vielen Facetten als Reichtum bei einem selbst und bei anderen erkennen.

1. Die Ansammlung der Form
Unter dem Begriff "Form" versteht man alle Dinge, die mit den Sinnesorganen wahrgenommen werden können. Man unterscheidet hierbei die "ursächliche Form" - die vier Elemente (Erde, Wasser, Feuer, Wind) - und die "bewirkte Form" - die fünf Sinnesfähigkeiten mit den dazu gehörigen fünf Sinnesobjekten (sichtbare Formen, Klänge, Gerüche, Geschmäcker und berührbare Objekte) sowie Formen für das Geistbewusstsein (siehe Ansammlung des Bewusstseins). Die Sinnesfähigkeiten sind die Sinnesorgane wie beispielsweise das Auge. Die Sinnesobjekte gliedern sich in acht Arten von Gestalt und zwölf Arten von Farbe, acht Arten von Klängen, vier Arten von Gerüchen, sechs Arten von Geschmack und elf Arten von Körpergefühlen. Hinzu kommen fünf verschiedene Formen für das Geistbewusstsein, zum Beispiel alle Arten vorgestellter Formen.

2. Die Ansammlung des Gefühls
Das charakteristische Merkmal der Gefühle ist ganz allgemein Erfahrung oder Erlebnis. Man unterscheidet drei Arten von Gefühlen: angenehme, unangenehme und neutrale. Sie beziehen sich entweder auf den Körper oder auf den Geist. Vor allem die geistigen Gefühle, die zum Beispiel in der Meditation erfahren werden, kann man in unendlich viele weitere Facetten aufgliedern. Furchtlosigkeit, Freude und Mitgefühl werden als absolute Gefühle bezeichnet, da sie der Natur des Geistes entsprechen. Alle anderen Gefühle sind relativ, da sie aus Bedingungen heraus entstehen. Die Ansammlung des Gefühls ist gleichzeitig einer der Geistesfaktoren (siehe Ansammlung der Geistesfaktoren).

3. Die Ansammlung der Unterscheidung
Dieses Skandha wird besonders hervorgehoben, weil Unterscheidung für die Entwicklung von Weltanschauungen oder Sichtweisen sehr wichtig ist. Hierbei gibt es Unterscheidung ohne Namen - wenn man zum Beispiel den Namen nicht kennt, oder in der Art, wie Babys Dinge wahrnehmen. Die Unterscheidung mit einem Namen hilft, etwas als gut oder schlecht zu beurteilen oder Dinge anders zu benennen. Menschen können lediglich den Tierbereich direkt wahrnehmen, während die Wesen anderer Bereiche, zum Beispiel der Form- und formlosen Bereiche, Menschen wahrnehmen können. Auch Unterscheidung zählt zu den Geistesfaktoren.

4. Die Ansammlung der Geistesfaktoren
färbt das Bewusstsein. Sie bestehen aus sechs verschiedenen Gruppen geistiger Ereignisse. Als Geistesfaktoren bezeichnet man alle positiven, negativen und wandelbaren Zustände im Geist. Es gibt fünf "allgegenwärtige Faktoren", die jede geistige Erfahrung begleiten. Dazu gehören Absicht oder Kontakt; fünf "eindeutige Faktoren", die den Geist auf bestimmte Objekte ausrichten, wie Streben, Wertschätzung oder Achtsamkeit; elf "positive Faktoren", wie zum Beispiel Vertrauen, Schamgefühl oder Respekt; sechs Hauptstörungen wie Unwissenheit, Begierde und Hass, 20 Nebenstörungen wie Feindseligkeit, nachtragend zu sein oder Groll; vier "wandelbare Faktoren", die entweder positiv oder negativ sein können, wie Schlaf oder Bedauern. Es gibt auch Geistesfaktoren wie Geburt, Lebenskraft, Begriffe oder Worte, die weder eindeutig geistig noch eindeutig materiell sind.

5. Die Ansammlung des Bewusstseins
Hier unterscheidet man begriffliche Aspekte des Bewusstseins und solche, die frei von Begriffen sind. Dabei ist Bewusstsein das, was Objekte wahrnimmt, was klar ist und Dinge erkennt. Im Theravada, teilweise auch im Großen Weg, unterteilt man Bewusstsein in sechs Aspekte: die fünf Arten von Sinnesbewusstsein und das Geistbewusstsein.

In anderen Schulen wie der des Mahayana (des Großen Fahrzeugs), der so genannten „Nur Geist-Schule" und der „Shentong-Madhyamaka-Schule", unterteilt man es in acht Aspekte,

- Sehbewusstsein
- Hörbewusstsein
- Riechbewusstsein
- Geschmacksbewusstsein
- Tast- oder Fühlbewusstsein
- Geist- oder Intellektbewusstsein
- verschleiertes Bewusstsein
- Basis- oder Speicherbewusstsein

Die effektivste Art der Einflussnahme ist es bewusst mit dem Geist zu arbeiten, in Form von Meditation.

Dazu Künzig Shamar Rinpoche, höchster Lehrer des Vajrayana.
Wir müssen neue geistige Gewohnheiten entwickeln. Es gibt eine ganze Reihe von Methoden den Geist zu zähmen, aber eine der kraftvollsten ist die Meditation der Geistesruhe (tib.: Shine). Man sollte sich bemühen sehr viel Geistesruhe zu praktizieren, denn es ist das beste Werkzeug um den Geist zu befrieden. Sie hilft, die Gewohnheit von geistiger Konzentration zu entwickeln und bewahrt den Geist davor wegzuwandern.

Ausführlich, hier

Beste Grüße
mabraton

Inidividualität

Falkenauge @, Freitag, 04.01.2019, 17:40 vor 2568 Tagen @ mabraton 3793 Views

Hallo Falkenauge,

was macht uns aus?

Im Buddhismus beschreiben die so genannten Fünf Ansammlungen (Sanskrit:
Skandhas) die ganze Vielfalt der Aspekte, die eine Person ausmachen. Das
Erkennen dieser einzelnen Facetten arbeitet der starken inneren Gewohnheit
entgegen, die Person (Anm.: und ihr Denken) auf ein immer gleich bleibendes
Ich einzuschränken.

Eine wirkliche Einheit der Persönlichkeit, die uns auf ein bestimmtes
Bild von uns selbst festlegt existiert nicht. Daraus entstehen weitere
falsche Anschauungen und Störungen. Erkennt man, dass die Vorstellung
einer solchen Einheit der Persönlichkeit nur eine gewohnheitsmäßige
Vereinfachung ist, kann man diese vielen Facetten als Reichtum bei einem
selbst und bei anderen erkennen.

Hallo mabraton,
vielen Dank für deine Ausführungen aus dem Buddhismus.

Er hat wie alle vorchristlichen Religionen - also nicht der Islam – nach meiner Überzeugung eine das Christentum vorbereitende Funktion. Vieles aus dem Buddhismus ist auch in die Lehren Christi, speziell in das Lukas-Evangelium eingeflossen. So findet man dort deutlich die Elemente des achtgliedrigen Pfades, aber Mitleid und Liebe umgesetzt in die christliche Tat.
Das Christentum als die Religion des kosmischen Logos-Schöpfer-Gottes umgreift natürlich alle Religionen. Buddha war ein höchst entwickelter Mensch, der zur höchsten Entwicklungsstufe, zum Buddha, also gleichsam zur Engelstufe aufstieg. Wenn sich die vorchristlichen Religionen, die jeweils regional für bestimmte Rassen, Völker bestimmt sind, selber recht verstehen, münden sie in das Christentum, das für die Gesamtmenschheit gilt, allmählich ein, oder bleiben zurück und wirken antichristlich.

Christus als der Gott des „Ich bin“ impulsiert das „Ich bin“, die einzigartige Individualität des Menschen. Die ganze abendländische Entwicklung zur freien, sich selbst bestimmenden Persönlichkeit, zeigt den starken Einfluss, den das Christentum darauf genommen hat.

Anfang und Schluss meines Artikels sind daher auch keine abstrakten Theorien, sondern phänomenologische Beschreibungen des Bewusstseins. Und der Schluss zeigt, dass die Entwicklung ohne eigene Anstrengung nicht weitergeht. Das hängt wiederum mit der Freiheit zusammen, in die der Mensch bis zu einem gewissen Grade entlassen ist.

Die „Ich-Illusion“, vor der der Buddhismus warnt, ist die Illusion des Budshismus. Sie widerspricht der inneren Erfahrung des abendländischen Menschen. Die wahre Bedeutung des unteilbaren Ich zeigt sich in der abendländischen Wiederverkörperungslehre, die sich deutlich von der des Ostens unterscheidet.

Beste Grüße

Verachtung der Welt

Ostfriese @, Freitag, 04.01.2019, 20:52 vor 2567 Tagen @ mabraton 3883 Views

Hallo mabraton,

die Quantenrevolution zu Beginn des 20. Jahrhunderts zwang die Physik, den Beobachter zu respektieren und ihn in die Experimente mit deren Deutungen einzubeziehen. Die Wirklichkeit sollte völlig anders interpretiert werden – weg vom Materiellen und vom Determinismus, also: viel offener. Analog zur Schrödinger-Gleichung, die sich in Silvia Arroyo Camejos Worten genauso wenig,

"wie die elementaren Gleichungen der klassischen Newton’schen Mechanik, nicht aus irgendetwas dahinter Liegendem physikalisch herleiten lässt, denn diese selbst ist ja die fundamentale Grundgleichung der Quantenmechanik. Woher haben wir diese Gleichung? Nirgendwoher. Es ist unmöglich, sie aus irgendwas Bekanntem herzuleiten."

oder in R. Feynmans Worten:

"… Sie ist Schrödingers Kopf entsprungen."

ist der Begriff des 'Potenzialität' in den neueren Betrachtungsweisen von zentraler Bedeutung. In der klassischen Vorstellung wurde das Lebendige vom Materiellen und Dinglichen gedacht und aufgebaut – von den Gesetzen der Physik, Chemie und Biologie. Das Prozesshafte, die Relationen, das Kreative, das sich dauernd Verändernde ist aber viel wichtiger als das Stationäre, das sich nicht ändert. "Leben ist viel fundamentaler als Materie."

Die moderne Physik zeigt, dass es keinen Plan gibt, der ein Ziel vorträgt, auf das wir ausgerichtet sind. Es gibt keine transzendente Größe, die man mit der Kraft des Göttlichen verbindet, denn die Kraft hat eine Richtung. Die Transzendenz besteht darin, dass sie die Möglichkeit der konkreten Gestaltung in jedem Moment zulässt – sie ist offen.

Die moderne Physik zeigt, dass es gar kein unabhängiges Miteinander gibt, sondern dass alles von Anfang an miteinander verknüpft ist. Es liegt kein spezielles Ziel vor – das Leben spielt sich nur in einem gewissen Kontext ab.
Die moderne Physik sagt, dass die Grundlage der Physik eben nicht die Materie ist – also Wirklichkeit ist nicht Realität –, sondern dass im Hintergrund etwas ist: Potenzialität = Möglichkeit – sich in jedem Augenblick realisieren zu können. Auch der Begriff 'Potenzialität' lässt sich letztendlich – wie die Schrödinger-Gleichung – nicht herleiten.

Im Gegensatz zu einem konkreten Gedanken, an dem wir im Gehirn herumdoktern, beginnt alles mit einer Ahnung im Kopf. Ahnung ist eine ganzheitliche Gestalt und lässt vieles offen – bis wir rufen: Heureka! Wir sehen die Materie als etwas Wesentliches an. Sie beteiligt sich aber nicht mehr an der Evolution, die sie nur als Gerüst trägt. Die Pyramiden sind toter Geist – das Wissen um ihre Konstruktionen und ihre Deutungen ist heute weitgehend verloren gegangen.

Aus der belegbaren quantenmechanischer Sicht existiert Materie überhaupt nicht – sie ist sklerotischer und toter Geist.

Das Leben ist offen, es ist keine Entfaltung, sondern eine Neuschöpfung in jedem Augenblick. Das Wort 'Evolution' ist eigentlich auch falsch – es gehört einer vergangenen Art des Denkens an.

Genauso


Wir müssen neue geistige Gewohnheiten entwickeln.

ist es. Ich denke, dass das bisherige philosophische Wirklichkeitsverständnis durch die Quantenmechanik herausgefordert wird und revidiert werden muss. Die angelsächsisch geprägte Wissenschaftsphilosophie wird wohl sehr getragen von Philosophen und Philosophinnen mit einem sehr guten naturwissenschaftlichen Wissen.


Es gibt eine ganze
Reihe von Methoden den Geist zu zähmen, aber eine der kraftvollsten ist
die Meditation der Geistesruhe (tib.: Shine).

@Ashitaka: "Meditation hilft niemandem. Wir müssen die Erfahrungen im alltäglichen Leben machen, in uns selbst aufwachen, statt die Welt als gegeben zu verachten und uns vor ihr durch Meditation zu verschließen. Wir sind nie woanders gewesen, ob bei einem Spaziergang durch die Stadt, ob beim Diskutieren im Gelben Forum oder der innigsten Unterhaltung mit lieb gewonnenen Menschen."


Man sollte sich bemühen sehr
viel Geistesruhe zu praktizieren, denn es ist das beste Werkzeug um den
Geist zu befrieden.

Warum muss der Geist befriedet werden? Befriedete Geister nehmen nicht an der Evolution teil – sie sind Langweiler. Wir sollten die Menschen wichtig nehmen, denen in jedem Augenblick etwas Neues einfällt.

Gruß â€“ Ostfriese

Werbung