Aus meinen Erinnerungen und einem Tagebuch

also @, Mittwoch, 29.07.2020, 22:18 vor 10 Tagen 3370 Views

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Ende Oktober 1966


Vater fährt mich mit seinem VW Käfer zu meinem Opa, der in einem kleinen Ort knapp unter der Baumgrenze
in einer dort typischen Holzkeusche mit seiner Familie lebt. Es liegt schon Schnee, es ist kalt, es schneit
und die Heizung des Käfers liefert mehr den Gestank nach Benzin als Wärme. In diesem kleinen Dorf mit
nicht mehr als 80 Einwohner soll ich bis zum Frühjahr die Zeit verbringen. Unser Haus wird umgebaut, da ist
kein Platz für einen kleinen Balg wie mich. Unaufhaltsam wie ein Traktor fährt der VW die ungeräumte Straße
den Berg hinauf, bis wir das Dorf und die Keusche erreichen. Es ist schon finster, die Eingangstür ist niedrig.
Vater, ein großgewachsener Mann, muß sich beim Betreten der Keusche tief bücken. Drinnen am Tisch sitzen
mein Opa und ein paar Bauern aus der Gegend, sie spielen Karten. Das Licht aus der Petroleumlampe erleuchtet
gerade noch die Szene am Tisch, alles andere liegt im Halbdunkel.
"Da ist der Bub", sagt Vater und ist schon wieder am Umdrehen um zu gehen. Ich halte ihn am Rock fest,
das alles hier ist mir zutiefst unheimlich. Die Bauern blicken mich ernst an, unterm Plafond steht dicht
der Rauch aus ihren Tabakpfeifen.
"Bleib da", sagt mein Opa, "wir bekommen Besuch, das wird dich interessieren".
Vater setzt sich widerwillig auf die Holzbank, ich suche seine Hand und halte mich an einem seiner
Finger fest. Die Männer teilen die Karten noch mehrere Male aus, wenig wird gesprochen, da klopft es an der Tür.
"Ja,ja, herein, ist eh offen".

Ein Mann kommt herein und grüßt mit seltsamer Aussprache. Der Mann ist im Vergleich zu den Bauern am
Tisch klein, schmächtig und blass. Sein leichtes Schuhwerk ist unpassend und sein Mantel viel zu dünn für
dieses Wetter. Wegen des Tabakqualms im Raum muß er husten. Sofort klopfen die Bauern ihre Pfeifen aus.
Opa steckt das Kartenspiel in die Schublade und zieht einen Sessel unter dem Tisch hervor. So habe ich
meinen Großvater noch nicht erlebt, er gibt sich brav wie ein Schulbub. Der Besucher setzt sich. Ich
drücke den Finger meines Vaters, doch der reagiert nicht. Er starrt in Richtung des Besuchers. Erst als
ich ihn mit beiden Händen an der Hose ziehe, sagt er leise, ohne das ich die Frage stellen muß,
"Ein Bonze aus Berlin". Der Besucher, er hat wohl ein feines Gehöhr, sagt zu mir "Ja, aus Deutschland".

Mein Opa stellt eine Flasche selbstgebrannten Schnaps auf den Tisch, verteilt die Gläser und schenkt ein.
Der Besucher lehnt ab, Schnaps trinkt er prinzipiell nicht, aber ein Glas Apfelsaft, das würde er schon
gerne haben. "Bei uns heroben wachsen keine Äpfel mehr", sagt einer der Bauern. Alle schauen ihn an, so als
ob er etwas Verbotenes gesagt hätte. Diese gespannte Atmosphäre am Tisch wird je unterbrochen, der Besucher
beginnt zu reden,
"Wie ihr wisst, bin ich im Haus nebenan eingezogen und wie ich hörte, hat sich das im Dorf
schon herumgesprochen. Ich brauche Ruhe, die vergangenen Jahre waren schwierig und bei mir zu Hause
sitzen noch immer die Amerikaner."
Ein Grummeln von den Bauern.
"Wie ihr auch wisst, gehört das Nachbarhaus dem Herrn Minister ..... Ich erwarte mir von den
Leuten im Dorf Verschwiegenheit. Hier in dieser Abgeschiedenheit möchte ich mein Buch fertigstellen,
ungestört, dann seit ihr mich auch wieder los".

Die Bauern nicken, mein Vater auch. Nun greift der Besucher doch zum Schnapsglass und prostet in die
Runde. Brennholz würde er dringend brauchen und kalt sei es hier. Ein Bauer lacht, der Besucher auch.
"Ich habe die Strafe abgesessen, bis zum Schluss. Jeder Vorwurf geht ins Leere", sagt der Besucher.
Die Bauern nicken wieder. Großvater murmelt, seinen Bruder in Russland, den hat er nicht abgesessen.
Ich spüre, dass alle am Tisch den Besucher kennen, nur ich kenne ihn nicht.
Das, so denke ich, sei ungerecht. Ich ziehe wieder am Finger meines Vaters, der sofort weiß was ich will,
"Der Bub will wissen, wer sie sind". Der Besucher will etwas sagen, doch ein Bauer unterbricht,
"Du wirst das schon noch in der Schule lernen, Bub".
Die Männer am Tisch sind sich also einig, es wird darüber nicht geredet. Ein Bauer prostet an, der Besucher
auch, Schnaps wird wieder nachgeschenkt, die Männer werden gesprächig. Ich höre wohl aber verstehe nichts,
es sind Worte wie aus einer fremden Welt, unverständlich, Halbsätze, mir wird langweilig.
Deshalb zitiere ich eine Passage aus dem Tagebuch meines Großvaters, das sich in seinem Nachlass befand:

"Wir haben in Spandau oft miteinander gesprochen, kontrolliert wurde ja nur von den Russen.
Ich kann dir jetzt schon sagen, der Heß wird die Haft nicht überleben. 20 Jahre hat er noch,
aber die sind nicht sein Problem. Nach der Rede vom Hitler im Reichstag Anfang Mai, trafen wir
uns in meinem neuen Büro. Wir sprachen über einen Kredit für die Baustelle Berlin, über Heß,
seine Pläne und anderes. Wir kannten seine Absicht. Alle kannten sie. Geht es gut, ist gut,
geht es nicht gut, schadet es nicht. Ein Versuch war es wert und er kein Verlust. Die Situation
war nach unseren Erfolgen auf dem Balkan sowieso völlig verfahren. Ein paar Tage später flog er
dann nach England. Ich habe nichts genaues erfahren. Erst als wir die britische Hood versenkt
haben, was in England großen Ärger verursacht hat, wurde er dort als verrückt erklärt. Das hat
ihn als Verhandler für beide Seiten verbraucht. Wir wären bereit gewesen, aber die wollten nicht.
Diese Tatsache käme mit seiner Entlassung raus und mit Sicherheit ganz schlecht rüber. Niemand will das".

Ich habe den Besucher noch mehrmals gesehen. Wenn es das Wetter erlaubte, saß er mit meinem Opa oder
einem Bauern am Tisch vor der Keusche. Manchmal ging er an ihr vorbei, ich grüßte, er grüßte, er war
einfach da, niemand fragte danach. Ich lernte sogar einige Worte auf Hochdeutsch zu sprechen, was meinem
Vater gehörig auf die Nerven ging. Im März 1967 kamen zwei Fahrzeuge, die überhaupt nicht in unsere Gegend
passten. Die nahmen den Besucher mit in Richtung Baden-Württemberg. Ende 1968 hat er das Buch veröffentlicht.
Es hat ihm gutes Geld eingebracht, so stand es in der Zeitung. Ob er jemals wieder an uns gedacht hat?
Immerhin, sein Gesicht hatte beim Abschied wieder eine gesunde Farbe und entgegen seiner Vorsätze hat er
2 Flachen Schnaps gerne angenommen.


also

Spannend, Besucher Speer?

stokk, Mittwoch, 29.07.2020, 22:34 vor 10 Tagen @ also 2183 Views

Speer oder nicht Speer?

nereus @, Donnerstag, 30.07.2020, 08:54 vor 10 Tagen @ DT 1367 Views

Hallo DT!

Prinzipiell würde ich Dir zustimmen, aber das klein und schmächtig irritiert mich ein wenig.
Albert Speer war immerhin 1,84 m groß.

[image]

Quelle: https://www.mdr.de/zeitreise/grossadmiral-karl-doenitz-albert-speer-100.html

Schmächtig sieht für mich anders auch.
Oder die kindliche Erinnerung hat sich mittlerweile ein wenig getrübt.

Vielleicht wird uns die Identität noch verraten.

mfG
nereus

Hallo nereus (mT)

DT @, Donnerstag, 30.07.2020, 09:57 vor 10 Tagen @ nereus 1212 Views

Schon die Überschrift "aus meinen Erinnerungen" ist ja ein Hinweis darauf.

Auch hat Speer in Spandau viel mit Heß gesprochen.

Ein seltsamer Passus in dem Post ist die Stelle mit dem Tagebuch "meines Großvaters" ... so könnte ja nur ein Sohn von Wolf-Rüdiger Heß schreiben.

https://de.wikipedia.org/wiki/Wolf_R%C3%BCdiger_He%C3%9F#Leben_nach_dem_Zweiten_Weltkrieg

So wie sich das ließt, müßte der Schreiber "also" um 1960 herum geboren sein, was mit dem Geburtsdatum seines Vaters (1937) kompatibel wäre.

Baldur von Schirach?

Oblomow @, Leipzig, Donnerstag, 30.07.2020, 10:24 vor 10 Tagen @ stokk 1165 Views

"Nach der gemeinsamen Entlassung mit Albert Speer im Jahre 1966 lebte er, teilweise erblindet, in der Pension Müllen in Kröv und veröffentlichte 1967 unter dem Titel: "Ich glaubte an Hitler" seine Memoiren."

Herzlich
Oblomow

--
"Der Geist wird erst frei, wenn er aufhört, Halt zu sein."

Hallo Oblomov (mT)

DT @, Donnerstag, 30.07.2020, 10:39 vor 10 Tagen @ Oblomow 1135 Views

Kröv war aber an der Mosel. Das hier spielt sich in den Alpen ab.
Die Frau Ilse von R. Heß lebte bei Hindelang/Allgäu/Bad Oberdorf, später eröffnete sie eine Pension im Allgäu.

https://de.wikipedia.org/wiki/Ilse_He%C3%9F

Ausschlußverfahren

Taurec ⌂ @, München, Donnerstag, 30.07.2020, 11:24 vor 10 Tagen @ DT 1212 Views

bearbeitet von Taurec, Donnerstag, 30.07.2020, 11:29

Hallo!

Spontan kommen mir drei Personen in den Sinn.

Albert Speer:

  • Entlassen 1966
  • Buch veröffentlicht 1969
  • Wohnhaft in Heidelberg (amerikanische Zone)

Karl Dönitz:

  • Entlassen 1956
  • Buch veröffentlicht 1968
  • Wohnhaft in Aumühle (britische Zone)

Baldur von Schirach:

  • Entlassen 1966
  • Buch veröffentlicht 1967
  • Wohnhaft in Kröv (französische Zone)

Nimmt man Hitler (1,75 m) oder Goebbels (1,65 m) als Referenz (und Google Bildersuche zu Hilfe), so scheint es mir, daß Döntiz und Schirach ebenfalls ca. 1,75 m groß waren, dagegen Speer (vgl. hier mit Dönitz) deutlich größer.
Stimmt die Aussage, daß bei dem Gast zu Hause noch die Amerikaner säßen, kommt aber allein Speer in Frage. Auch daß er nach der Bucharbeit in Richtung Baden-Württembergs mitgenommen worden sei (Heidelberg liegt an dessen Nordrande) paßt.
Ich vermute, die Begebenheit fand nicht in Bayern statt, sondern in Österreich (Tirol) oder in der Schweiz.
"Klein, schmächtig und blaß" mag sich nicht auf die Körpergröße beziehen, sondern Speers allgemeines Erscheinungsbild nach dem Kriege bzw. der Haft.

Gruß
Taurec

--
„Es lebe unser heiliges Deutschland!“

„Was auch draus werde – steh’ zu deinem Volk! Es ist dein angeborner Platz.“


Weltenwende

Speer hat 1969 veröffentlicht, von Schirach 1967

Oblomow @, Leipzig, Donnerstag, 30.07.2020, 13:53 vor 9 Tagen @ Taurec 921 Views

bearbeitet von Oblomow, Donnerstag, 30.07.2020, 14:01

"Ende 1968 hat er das Buch veröffentlicht. Es hat ihm gutes Geld eingebracht."

Das Geldargument spricht für Speer, denn er hat allein von der WELT 600.000 DM erhalten. Speer war einfach ein guter Marketingmann, das hat ihm ja auch das Leben gerettet und er hat es vollbracht, sich irgendwie sogar als Opfer und Widerstandskämpfer (Attentatsplan gegen Hitker mit Gas) in Nürnberg zu inszensieren. Er ist nur knapp von der Klinge gesprungen - erst war das Ergebnis 2-2 Todesstrafe. Schließlich ist USA Richtung Haft umgeschwenkt. Joachim Fest (der Hitlerbiograph) hat ihm übrigens bei seinen "Erinnerungen" unterstützt und dem Pfiffikus Speer und dessen Biographie einen besonderen Nimbus der "Objektivität" verliehen.

Insofern ist nur das "Ende 1968" im so wunderbaren "@also-Text" (mehr davon!) ein klitzekleiner Lapsus oder eventuell lag dem Großvater ein Vorabexemplar schon Ende 1968 vor.

Herzlich
Oblomow

--
"Der Geist wird erst frei, wenn er aufhört, Halt zu sein."

Spannend, Besucher Speer?

also @, Donnerstag, 30.07.2020, 16:28 vor 9 Tagen @ stokk 969 Views

Ja, das war der Speer.
Er wollte sich verstecken, seine Ruhe finden vor den "Zeitungsschmierern", so nannte er die.
Dafür hatte er die richtige Gegend gewählt.
Wir haben uns oft getroffen. Er mochte Buttermilch und ich mußte sie ihm täglich in einer Kanne
vorbeibringen. Meist saß er in der Küche. Überall lagen Stapel von Papier. Am Küchentisch,
am Boden, im Vorraum, alles war voll mit Zettel, Aktenordner und Dokumente.
Freundlich war er nicht, aber im Gegensatz zu den wortkargen Einheimischen war er redselig.

Am Beginn seines Aufenthaltes hatten die Einheimischen gehörigen Respekt vor ihm. Doch das änderte sich bald.
Wir gingen jeden Sonntag ins Tal zur Kirche, das war wichtig für die Gemeinschaft. Er war nie dabei.
Meine Großmutter legte der Kanne mit Buttermilch ein Heiligenbildchen bei. Er hat die Botschaft
nicht verstanden. Irgendwann erhielt er den Namen "Bonze". Seltsam kam mir das nicht vor. Jeder von uns
hat einen Vulgonamen. Mein Großvater hieß Veitl, Großmutter Veitlin, der neue Nachbar eben Bonze.
Das störte ihn nicht. Mein Vulgonamen war Veitlbub, Bonze sagte immer Weitlbub, das V gelang ihm nicht.
Er blieb ein Fremder. Auch mußte ich immer nach seinen Händen sehen. Wenn man unter Bauern aufwächst und
man sieht einen Mann mit Händchen wie die von Großmutter, wirkt das sehr befremdlich.
Als im Frühjahr der Schnee geschmolzen war und sie Bonze abholten, waren alle froh.
Die Buttermilch hat er bis heute nicht bezahlt.

also

Wunderbarer Text. Danke.

Oblomow @, Leipzig, Mittwoch, 29.07.2020, 22:50 vor 10 Tagen @ also 2119 Views

bearbeitet von Oblomow, Mittwoch, 29.07.2020, 23:10

"Jeder Vorwurf geht ins Leere."

Was meint der (un)bekannte Mann, dieser kleene brilliante Opportunist, der alle foppte (auch die Bauern), damit.

Herzlich
Oblomow

--
"Der Geist wird erst frei, wenn er aufhört, Halt zu sein."

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