Die Ablehnung des Fremden - eine naturwissenschaftliche Betrachtung

Kaltmeister ⌂ @, Freitag, 02.01.2015, 18:32 vor 2294 Tagen 4653 Views

Ich habe irgendwo weiter unten gelesen, dass es an alternativen wissenschaftlichen Gesellschaftsentwürfen mangelt - die meisten Menschen akzeptieren unser politisches System, weil es ihnen "alternativlos" erscheint. Ich will daher kurz skizzieren, dass man auch anders denken kann, als der politische und mediale Mainstream:

Warum gehen montags so viele Menschen auf die Straße, um im Namen der Pegida gegen eine "Islamisierung des Abendlandes" zu demonstrieren? Geht es denen wirklich in erster Linie um kulturell-religiöse Fragen, wie der Name der Bewegung vermuten lässt, oder sind solche Motive z.T. vorgeschoben? Es gehört zu den durchgesetzten zentralen Tabus "westlicher" Werteordnungen, in Bezug auf den Menschen niemals biologisch zu argumentieren, und bis heute wird dieses Tabu weitgehend eingehalten. Wehren sich die Menschen gegen biologische Überfremdung, ohne es öffentlich - ja vielleicht nicht einmal sich selbst - einzugestehen?
Die westlichen Werte, in erster Linie Pluralismus und Individualismus, dazu die defensive Verteidigung der Rechte aller Menschen, unabhängig ihrer Herkunft oder sonstiger Attribute, sind nach der Vorstellung westlicher Eliten schon als "natürliches Recht" angelegt, oder, das ist die alternative Lesart, ergeben sich zwangsläufig durch Anwendung der menschlichen Vernunft.

Gegen den ersten Punkt wäre einzuwenden, dass es offenbar auch andere Formen natürlichen Rechtes geben muss, denn in der Geschichte der Menschheit waren die westlichen Werte die meiste Zeit nicht sonderlich populär. Und über die zweite Variante lässt sich sagen, dass sie durch die Erkenntnisse der Hirnforschung der vergangenen 15 Jahre gewissermaßen überholt ist; wenn die Naturwissenschaft sagt, dass es keinen "freien Willen" in dem Sinne gibt, dass wir aus eigener Initiative die Determinierung unserer Gedankengänge überwinden könnten, dann ist es auch sinnlos anzunehmen, wir könnten uns eine Werteordnung ohne Bezugspunkt, allein durch Anwendung der Vernunft geben. Denn nicht die rationale, kausale Erwägung ist die Grundlage unserer Entscheidungen, wie man bis vor etwa 10 Jahren unerschütterlich glaubte, sondern, so das neue naturwissenschaftliche Bild, die Entscheidung kommt zuerst, der Grund wird vom Gehirn nachgeliefert. Das Gehirn entscheidet in einem vorgelagerten, unbewussten Prozess und gibt sich im Nachhinein eine Rechtfertigung für seine Entscheidung. Dieser nachgelieferte Zusammenhang kann richtig oder falsch sein. Daher können wir unser Wertesystem nicht allein auf die Vernunft, gewissermaßen auf das scharfe Nachdenken gründen.
Die Anwendung einer naturwissenschaftlichen Methodik legt es vielmehr nahe anzunehmen, dass sich die Anlagen für unterschiedliche Wertevorstellungen evolutionär entwickelt haben und sich dann jeweils kulturell ausformen.

Wenn wir verstehen wollen, welche Anlagen das sind, müssen wir uns mit Soziobiologie beschäftigen. Soziobiologie ist die Lehre des tierischen oder menschlichen Sozialverhaltens, also des Verhaltens in Gemeinschaft oder Gesellschaft. Wenn wir die biologische Evolution betrachten, stellen wir fest, dass die einzelnen Individuen einem unerklärten Wettbewerb ausgesetzt scheinen, in dem sie sich behaupten (Nachkommen haben) oder nicht behaupten. Nur wer Nachkommen hat, schafft es in die nächste Runde, und so erscheint es, dass jedes Individuum den Erfolg des eigenen Bauplans, also der eigenen Gene, anstrebt. (Ich schreibe "es scheint", weil es sich ja um eine vermenschlichende Betrachtungsweise handelt - tatsächlich ist dieses erfolgreich-sein-Wollen kein dem Lebewesen innewohnender Antrieb, es vollzieht sich einfach ein Naturgesetz.)
In der Gemeinschaft von Verwandten - Familie, Sippe u.ä. - wird nun ein zusätzlicher Effekt wirksam: Die einzelnen Glieder der Gemeinschaft teilen ja zahlreiche Gene, so dass sie nicht nur den eigenen Erfolg, sondern auch den der anderen Glieder anstreben. Nicht der individuelle Erfolg ist das Maß der Dinge, sondern der Erfolg der einzelnen Gene: das ist die Botschaft der Soziobiologie, wie Wilson oder Dawkins sie formuliert haben. So wird eine Gruppe von "Verwandten" eine viel größere Bereitschaft zum Verzicht, zu altruistischem Verhalten aufbringen als eine zusammengewürfelte "Gesellschaft" von Fremden: man spricht hier von "biologischem Altruismus" oder "Verwandtenselektion". Sie wird auch ein Interesse daran haben, ein hohes Maß an Homogenität aufrechtzuerhalten, weil auf diese Weise eine gegenseitige Verlässlichkeit entsteht: der eine gönnt dem anderen den Erfolg, und alle gemeinsam streben nach dem Erfolg der ganzen Gruppe.
Dagegen wird in einer Gruppe von Fremden jeder nur den eigenen Vorteil suchen, hier wird der "Mensch dem Menschen zum Wolf", wie Hobbes das einmal formulierte. Auch hier gibt es einen - allerdings schwächeren - Mechanismus, der das Sozialverhalten reguliert, den sogenannten "reziproken Altruismus": man verzichtet zum Vorteil eines anderen in der Hoffnung, dass der sich bei Gelegenheit revanchiert; leider kann man sich darauf aber nicht verlassen.

Abstrakt zugespitzt gibt es also zwei Varianten menschlichen Zusammenlebens, die Gemeinschaft von Verwandten (typisch für alle archaischen Gesellschaften, es gibt aber auch moderne Ansätze) und das Zusammenleben nichtverwandter Individuen (hier ist die westliche Gesellschaft ein typischer Fall). Da die erste Variante ein harmonischeres und erfolgreicheres Zusammenleben ermöglicht, werden sich die meisten Gruppen intuitiv gegen ethnische Heterogenisierung, also Überfremdung wehren.
Professor Hölldobler zählt zu den führenden Soziobiologen, er hat sich in diesem leicht verständlichen Vortrag mit der Thematik beschäftigt:


Die evolutionsbiologischen Grundlagen der Xenophobie

Vielen Dank...

Venator @, Sachsen, Samstag, 03.01.2015, 15:36 vor 2293 Tagen @ Kaltmeister 2296 Views

...für diesen gehaltvollen Vortrag.
Dessen lange Zeit - 43min - hat mich anfangs davon abgehalten, ihn zu sehen, aber habe keine Minute bereut.

Die ersten 10min, in denen über die Ameisen gesprochen wird, sind schon faszinierend. Danach wird es trockener. Der Herr Professor spricht viele Sachen an. Sein Vortrag hat einen logische Faden, beginnt mit Freund-Feind-Erkennung auf Zellebene und arbeitet sich über Insekten und Primaten bis zur menschlichen Gesellschaft vor, in den Bereich, wo die Genetik und Biologie auf eine menschliche Erfindung namens "Moral" treffen.

Wichtig finde ich seine Schlußfolgerung, uns unseres "tierischen" Erbes bewußt zu sein und es mit Hilfe der Kultur in etwas weniger Destruktives zu kanalisieren.
Er spricht ein Dilemma des modernen Menschen an. Es schwingt so etwas mit, wie: "Eine Antwort darauf habe ich nicht, aber die Frage habe ich zumindest erkannt."

Bei vielen Zeitgenossen hingegen habe ich den Eindruck, sie verleugnen, daß auch sie zu 99% Tier sind und halten die 1% Zivilisations(gut)mensch, der alles toleriert, alles versteht und doch nur will, daß es allen gutgeht, für ihre Identität. Habe oft erlebt, daß gerade solche Mitmenschen am schnellsten aufbrausen.

Irgendwie bizarr finde ich auch das Publikum. Verkopftes Bildungsbürgertum, das gerade über seine tierische Schattenseite aufgeklärt wird. Mußte ein wenig schmunzeln. Vielleicht sehe das aber nur ich so.

Nochmals danke!

Gruß Venator

--
In demokratischen Epochen verbringt alles Überlegene die Zeit damit, sich zu entschuldigen. - N.G.Davila (1914-1994)

Soziobiologie als Grundlage der Moral

Kaltmeister ⌂ @, Samstag, 03.01.2015, 20:32 vor 2293 Tagen @ Venator 2380 Views

Ich denke, dass wir durch das Betrachten und Verstehen soziobiologischer Zusammenhänge letztlich auf die Grundlagen des Phänomens "Moral" stoßen. (auch wenn Hölldobler sich gegen Ende anders äußert; der Vortrag stammt von 2003, er verfügt damals noch nicht über die neueren Erkenntnisse der Hirnforschung.)
Ein anderer wichtiger Aspekt ist die Tatsache, dass jede Lebensform "verwandt" und "fremd" unterscheidet - und das Zusammenleben mit Verwandten bevorzugt. Warum das so ist, wird in dem "etwas trockenen" mittleren Teil erläutert: Das Zusammenleben mit Verwandten ermöglicht echte Gemeinschaft, das Anstreben gemeinsamer Ziele, weil in allen ähnliche Genanlagen vorhanden sind, so dass man auch den Anderen Erfolg wünschen kann. Unter Fremden gilt das nicht, hier kann man sich lediglich arrangieren. Der Zugang zu dieser Erkenntnis ist in unserer Gesellschaft allerdings kulturell verschüttet.

Wenn man sich die Verhältnisse in unserem Land (und in allen anderen westeuropäischen Gesellschaften) anschaut, lässt sich sagen, dass sie auf das Wohl des nicht-Verwandten, des Fremden zugeschnitten sind, nicht dagegen auf das Wohl der Autochthonen. In diesem Sinne handelt es sich um eine Art Fremdherrschaft...

Laeuft immer auf dasselbe hinaus ... Gemeinschaft vs. Gesellschaft ...

CrisisMaven ⌂ @, Sonntag, 04.01.2015, 17:16 vor 2292 Tagen @ Kaltmeister 2111 Views

Ein anderer wichtiger Aspekt ist die Tatsache, dass jede Lebensform "verwandt" und "fremd" unterscheidet - und das Zusammenleben mit Verwandten bevorzugt.

Weswegen Schwiegereltern nicht Verwandte sind - auch im Recht nicht ... [[freude]]

Warum das so ist, wird in dem "etwas trockenen" mittleren Teil erläutert: Das Zusammenleben mit Verwandten ermöglicht echte Gemeinschaft,

Und wurde schon in den Anfangsjahren der Soziologie von Ferdinand Toennies in "Gemeinschaft und Gesellschaft" aehnlich entdeckt/beschrieben.

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