Es gibt viele Anzeichen, auch für den beginnenden Exodus in Rumänien

helmut-1, Siebenbürgen, Mittwoch, 15.07.2020, 11:45 (vor 235 Tagen) @ stokk1370 Views
bearbeitet von helmut-1, Mittwoch, 15.07.2020, 11:56

Diese Bilder erinnern mich an die Zeit kurz nach der Revolution 1989, als sich die Schlangen vor dem Konsulat der Deutschen gebildet haben, um ein Visum für die Ausreise zu erhalten. Die Leute hatten Angst davor, dass der Kommunismus wiederkommt.

Heute versuchten die meisten, einen Arbeitsvertrag in anderen EU-Ländern (Deutschland, Österreich, Italien, Spanien, Skandinavien) zu bekommen, weil sie Angst davor haben, dass sie in Rumänien morgen nichts mehr zu essen haben.

Wer einen Arbeitsvertrag in den EU-Ländern abschließen will, benötigt ein Leumundszeugnis (= österr., in Deutschland = polizeiliches Führungszeugnis, in Rumänien = "cazier"). Und genau das sind die Menschenschlangen an der Stelle in einer Kleinstadt wie unserer, wo die Menschen das für einen Arbeitsvertrag im Ausland benötigen. In den größeren Städten sind die Schlangen erheblich länger.

https://ibb.co/c6dh02x

https://ibb.co/Wzxf7sR

Das sind die Fotos von heute morgen.

Wie war das damals nach 1989 in der damaligen DDR und dem Exodus? "Der Letzte machts Licht aus". Aber nicht alle möchten raus aus Rumänien. Notare (Grundstücksverkäufe), Rechtsanwälte (Zivilprozesse), Mediziner, Politiker, usw., - die leben ziemlich gut hier.

Es ist die verfehlte Wirtschafts und Bildungspolitik, die hier verantwortlich ist, Miesepeter hats ja auch angesprochen. Man hat nach der "sog." Revolution die berufsbildenden Schulen abgeschafft, jeder sollte nur mehr studieren und einen akademischen Abschluss erlangen. Nun bekommen die Dipl.Mathematiker keinen Job und gehen zu den Bauern in Deutschland, um die Gurken zu ernten, denn von irgendwas müssen sie ja leben.
Dafür gibts keine Handwerker mehr, - die Alten sind ausgestorben oder in Rente, oder viele sind auch ins Ausland gegangen, - die Jungen haben keine Gelegenheit, im dualen System über drei Jahre ein Handwerk zu erlernen.

Trotzdem wird mein Jüngster nächstes Jahr nach RO zurückgehen, um in seinem erlernten Beruf hier selbständig zu werden. Er ist der Einzige in ganz Groß-Siebenbürgen, der in seinem Beruf einen erlernten fachlichen Abschluss vorlegen kann (in RO kann man bestimmte Berufe gar nicht erlernen), und der nicht nur ein Papier in der Tasche hat, sondern auch eine ganze Kiste von beruflichen Erfahrungen in Deutschland gesammelt hat. Dazu hat er einen Vater, der 54 Jahre Berufserfahrung mitbringt, und den er immer fragen kann.

Während der staatliche Mindestlohn derzeit für Ungelernte (und das sind die meisten) bei 3 € brutto herumspringt, wird mein Sohn wohl kaum unter 15 € pro Stunde arbeiten. Das hängt ganz einfach damit zusammen, dass es niemanden mehr gibt, der in seinem Metier einwandfreie Facharbeit liefern kann, und unter den Blinden ist bekanntlich der Einäugige der König.

Dazu kommt der Umstand, dass diejenigen, deren Schicht im Vergleich zwar gering ist, aber die sehr wohl existieren, und die Geld haben, sehr wohl wissen, was Facharbeit nach EU-Norm bedeutet. Die sind auch bereit, den Gegenwert für gute Arbeit zu bezahlen, weil sie selbst einige tausend € pro Monat als Gehalt abkassieren (z.B. im Energiebereich) und sich das erlauben können.

Und da steht mein Sohn nicht alleine da, das gilt auch für gute Elektriker, Installateure, Innenausbauer, usw. Es wird die Zeit kommen, wo sich der typische "Otto Normalo" Rumäniens keinen Handwerker mehr leisten kann, (Wenn sie nicht schon da ist, diese Zeit) und nur mehr versuchen kann, mit fiktiven "Fachleuten" und Schwarzzahlungen über die Runden zu kommen, mit allen damit verbundenen Nachteilen.

Umgekehrt wird man in Deutschland zunehmend feststellen, dass derjenige, der irgendwann mal eine Fliese in der Hand gehalten hat, eigentlich kein Fliesenleger ist und man nun, - nachdem man dem vermeintlich billigen Facharbeiter einen Tritt gegeben hat, das ganze Material noch einmal kaufen darf.

Diejenigen aber, die viele Jahre in Deutschland gearbeitet haben und wissen, was Sache und vor allem Normen sind, die also mit den Augen geklaut haben, die kommen zunehmend zurück nach Rumänien, weil sie feststellen, dass sie hier besseres Geld in ihrer angestammten Heimat verdienen können und die Kontrollen bei Schwarzarbeit nicht so extrem sind wie in Deutschland.

Eine glückliche Entwicklung, was nun die Wirtschaft in Deutschland betrifft? Warten wirs mal ab. Diejenigen Ausländer, die gut gearbeitet haben, gehen wieder zurück in ihre Heimatländer. Die Ungelernten, die zuhause keine Arbeit mehr finden, kommen zunehmend nach Deutschland. Dazu diejenigen, die mit ehrlicher Arbeit gar nichts am Hut haben. Irgendwie verlockende Zukunftsaussichten.


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